15.03.2018

Müssen aufpassen, bei den Standards nicht zu überziehen
DBV-Milchpräsident Karsten Schmal im Gespräch

DBV-Milchpräsident Karsten Schmal
Der Milchpräsident des Deutschen Bauernverbandes (DBV), Karsten Schmal, spricht im Interview mit Agra Europe über die notwendigen Veränderungen in der Branche, über die Rolle des Staates, über seine Erwartungen an die neue Bundesregierung und über die Entwicklungen auf dem Milchmarkt.

Der Milchmarkt zeigt in den ersten Monaten dieses Jahres eher eine schwächere Tendenz. Wie stellt sich Ihnen denn die aktuelle Lage dar?
Schmal: Noch im Dezember und Januar sah es auf den Produktmärkten deutlich schlechter aus als derzeit. Wir haben einige ermutigende Signale. Die Butter hat wieder angezogen, die Preise liegen bei 5 Euro/kg. Das ist ein ordentlicher Wert. Der Export läuft stabil. Das gilt auch für Magermilchpulver, wenn auch auf niedrigem Niveau. Käse ist knapp im Moment. Die Absatzchancen sind gut.
 
Die Milchanlieferung hatte zuletzt wieder zugenommen, auch wenn sie insgesamt im Jahr 2017 in der Summe noch leicht unterhalb der Menge von 2016 gelegen hat. Wie wirkt sich das auf den Markt aus?
Schmal: Die Erzeugung liegt in diesem Winter zwar höher als im letzten Jahr, entspricht jedoch in etwa der Menge von 2015/16. Die Kältewelle der letzten Wochen dürfte die Produktion wieder etwas gedämpft haben. Ich sehe die Lage auf dem Milchmarkt also entspannter als noch zu Jahresbeginn.
 
Von einer neuerlichen Krise also keine Spur?
Schmal: Wir sollten die Lage nicht schlechter reden, als sie ist. Ich gehe davon aus, dass sich der Markt auf einem niedrigeren Niveau als 2017 stabilisieren wird. Keine Frage, die Marktlage ist angespannter als im letzten Jahr. Zur Panik besteht jedoch keine Veranlassung. Vieles wird auch von den Verhandlungen für neue Kontrakte mit dem Lebensmitteleinzelhandel im Frühjahr abhängen.
 
Die Erzeugerpreissenkungen der letzten Wochen sorgen für Unruhe. Zu Unrecht?
Schmal: Natürlich macht man sich Gedanken, wenn die Milchpreise runtergehen. Wir hatten im letzten Jahr ein Niveau von durchschnittlich 36 Cent pro Kilogramm. Nach den Preissenkungen großer Molkereien zu Jahresbeginn bewegen wir uns jetzt im Bereich von 31 bis 33 Cent. Selbstverständlich sehen die Milcherzeuger das mit Sorge. Etliche Marktakteure erwarten ein Niveau von 30 bis 32 Cent im Jahresschnitt. Das ist im langjährigen Vergleich leicht unterdurchschnittlich, aber weit von den Krisenszenarien der Jahre 2009 oder 2016 entfernt.
 
Sollte es wider Erwarten anders laufen, wäre dann die Branche hinreichend vorbereitet auf eine neuerliche Krise am Milchmarkt?
Schmal: Lassen Sie es mich so formulieren: Das Bewusstsein der am Markt Handelnden, also der Verantwortlichen in den Molkereien und der Milcherzeuger, dass wir was tun müssen, hat sich geändert. Einiges ist auf den Weg gebracht worden. Ich nenne nur die Gründung der Interessengemeinschaft Genossenschaftliche Milchwirtschaft (IGM). Vieles geht in die richtige Richtung, aber es reicht noch nicht. Unter dem Strich komme ich daher zum Ergebnis: Die Milchbranche ist nicht hinreichend auf eine neuerliche Krise vorbereitet.
 
Woran fehlt es?
Schmal: Die Defizite liegen auf der Hand. Die Instrumente sind bekannt. Dennoch passiert noch zu wenig. Das Grundproblem ist, dass Signale von den Produktmärkten zu spät bei den Milcherzeugern ankommen. Bereits im letzten Spätsommer sind die Produktmärkte ins Rutschen gekommen, erst im Januar kam dieses Preissignal voller Märkte auch bei den Milchbauern an. Die Molkereien haben außerdem nach wie vor keine verlässlichen Zahlen, welche Milchmengen langfristig angeliefert werden. Den Milcherzeugern fehlt es auf der anderen Seite an abgesicherten Milchpreisen.
 
Was ist zu tun?
Schmal: Wir werden nur dann weiterkommen, wenn sich die Molkereien mit ihren Milcherzeugern zusammensetzen und beide Seiten einen Weg finden, wie sie mit volatilen Märkten umgehen wollen. Das heißt zum einen, die einzelnen Molkereien müssen einigermaßen planbar wissen, welche Milchmengen kommen. Sie müssen dann schauen, ob sie den Absatz dafür haben und was gegebenenfalls zu tun ist, um den Absatz zu verbessern. Auf der anderen Seite brauchen die Milcherzeuger, die an diese Molkereien liefern, auch Verlässlichkeit hinsichtlich der Preisgestaltung. Da kommt die Warenterminbörse ins Spiel. Zwar ist die Leipziger Börse noch ein zartes Pflänzchen, die dort gehandelten Mengen sind allerdings im letzten Jahr um 70 Prozent nach oben gegangen. Wenn künftig der Frischmilchkontrakt hinzukommt, wird das einen weiteren Schub geben.
 
Die Modernisierung der Lieferbeziehungen wird von Ihnen seit längerem vehement eingefordert. Wie weit sind Sie?
 Schmal: Die Diskussion ist in Gang gekommen, nicht zuletzt auch deshalb, weil der Bundeslandwirtschaftsminister das immer wieder angemahnt hat. Da ist einiges zu tun, sei es im Hinblick auf eine bessere Preisabsicherung, etwa über Festpreismodelle und ein Engagement an der Warenterminbörse. Wir warten auf konkrete Umsetzungen, die bereits von einigen Molkereien angekündigt wurden. Die Andienungs- und Abnahmeverpflichtung, über die in diesem Zusammenhang auch diskutiert wird, stellen wir ausdrücklich nicht in Frage. Gerade für kleinere Milcherzeuger ist die Abnahmegarantie unverzichtbar.
 
Der Politik gehen die notwendigen strukturellen Verbesserungen im Verhältnis Molkerei-Lieferanten zu langsam. Nach der Änderung des Artikels 148 der Gemeinsamen Marktorganisation (GMO) kann der Staat Vorgaben für die Vertragsgestaltung machen. Sollte Deutschland davon Gebrauch machen, um den auch von Ihnen geforderten Schwung zu bringen?
Schmal: Nein. Ich bin überzeugt, dass staatliche Eingriffe immer nur die zweitbeste Lösung sind. Ich sage daher ganz deutlich an die Adresse der neuen Bundesregierung: Wir brauchen keinen milchpolitischen Aktionismus. Die Änderung des Artikels 148 gibt der Politik die Möglichkeit zum Eingreifen, wenn sich gar nichts tut. Es tut sich aber was, ich habe es angedeutet. Ob wir irgendwann an den Punkt kommen, dass sich die Politik zum Handeln gezwungen sieht, weiß ich nicht. Ich vertraue darauf, dass es die Marktbeteiligten nicht so weit kommen lassen werden.
 
Was erwarten Sie von der neuen Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner?
Schmal: Ich habe Frau Klöckner als offen und bodenständig zugleich kennengelernt. Sie ist kein Neuling in der Agrarpolitik und weiß somit, wovon sie spricht. Sie stammt aus einem Familienbetrieb, kennt also deren Anliegen. Ich bin daher sicher, die künftige Ministerin weiß, welche Maßnahmen erforderlich sind, um dem Milchsektor eine Perspektive zu geben. Ich gehe auch davon aus, dass sie unsere Belange selbstbewusst vertreten wird, sei es in Brüssel oder gegenüber der Öffentlichkeit.
 
Im Zuge der milchpolitischen Diskussion bleibt das Thema „Mengensteuerung“ auf der Tagesordnung. Auch für Sie?
Schmal: Ich halte nichts von staatlichen Mengenregulierungen, weil sie, in welcher Form auch immer, keine Zukunftslösung bieten. Das zeigen die Erfahrungen mit der Milchquote. Das zeigen aber auch die Gespräche, die ich mit jungen Landwirten führe. Die sind im Markt angekommen und setzen sich intensiv mit den neuen Herausforderungen auseinander. Vorschläge für Mengenregulierungen sind aus ihrer Sicht rückwärtsgewandt und gehen an den Problemen vorbei. Das gilt umso mehr für nationale Regelungen, über die ebenfalls gesprochen wird. Konzepte, die Milchmenge in Deutschland zu beschränken, um den Preis zu stabilisieren, halte ich in einem offenen Markt für weltfremd, europäische Lösungen für unrealistisch.
 
Welche Rolle sollte der Staat in der Milchpolitik künftig spielen?
Schmal: Er sollte sich aus dem Marktgeschehen raushalten, weil das die Beteiligten untereinander besser regeln können. Bei den staatlichen Maßnahmen, die nach dem Auslaufen der Mengenregulierung ergriffen wurden, gab es zwei grundlegende Probleme: Sie kamen viel zu spät, und sie kamen nicht nur denen zugute, für die sie gedacht waren. Die Politik kann als Moderator agieren, die Probleme benennen und die Akteure zum Handeln auffordern. Die von Christian Schmidt initiierten Milchstrukturgespräche waren ausgesprochen hilfreich, um die Diskussion in Gang zu bringen. Die Probleme müssen die Marktbeteiligten aber schon selbst lösen.
 
Raushalten und moderieren, das sind ungewöhnlich bescheidene Wünsche eines Bauernverbandsvertreters an die Politik. Ist das alles?
Schmal: Es gibt schon noch einiges, was eine Regierung für die Milchbranche tun kann. Sie kann beispielsweise behilflich sein, die Weichen langfristig richtig zu stellen. Das bedeutet konkret, dass Vermarktungsorganisationen der Landwirte, also Erzeugerorganisationen, aber auch die Genossenschaften kartellrechtlich privilegiert werden sollten. Ich nenne ein Beispiel: Die Bayern MeG verhandelt für viele Landwirte mit den Molkereien. Warum sollten das nicht auch Genossenschaften gegenüber dem Lebensmitteleinzelhandel dürfen?
Handlungsbedarf sehe ich ferner im Bereich Standards und Auflagen. Wir müssen sehr aufpassen, dass wir in Deutschland nicht überziehen und damit unsere Wettbewerbsfähigkeit aufs Spiel setzen. Schließlich brauchen wir Unterstützung beim Umgang mit volatilen Märkten. Ich nenne die Einführung einer steuerbefreiten Risikoausgleichsrücklage und ein Festhalten an den Direktzahlungen sowie den Leitplanken im Milchmarkt: öffentliche Intervention und private Lagerhaltung.
 
Wie sehen Sie die Rolle des BDM, der ein anderes Verständnis von staatlicher Milchpolitik hat?
Schmal: Bei inzwischen deutlich weniger als 70 000 Milcherzeugern in Deutschland können wir es uns eigentlich nicht erlauben, mit zwei Stimmen und zwei grundlegend anderen Konzeptionen aufzutreten. Dass es unterschiedliche Auffassungen zu einzelnen Fragen und unterschiedliche Lösungsansätze gibt, ist normal und auch innerhalb des Bauernverbandes nicht ungewöhnlich, um es vorsichtig auszudrücken.
Am Ende sollte man aber zu übereinstimmenden Positionen kommen und diese auch gegenüber der Politik vertreten. Dass dies mit dem BDM bisher nicht möglich war, bedauere ich, auch wenn der Verband noch so klein, dafür aber umso stimmgewaltiger sein mag. Ich habe das Gespräch gesucht. Ich bin dafür, Streitpunkte offen auszutragen. Dialog kann aber nur funktionieren, wenn er ehrlich und fair geführt wird. Leider war das zuletzt nicht immer so.
 
Ist der Dialog beendet?
Schmal: Von meiner Seite aus nicht. Ich bin immer offen für Diskussionen.
 
Von der DMK kommt der Vorschlag für eine Sektorstrategie. Was halten Sie davon?
Schmal: Sehr viel, wenn sie entsprechend mit Leben gefüllt wird. Ich bin überzeugt, dass wir viel mehr zusammenarbeiten müssen, um die Branche nach vorn zu bringen.
 
Braucht man dafür einen Branchenverband?
Schmal: Davon bin ich überzeugt.
 
Was sollte dieser tun?
Schmal: Nach meinem Verständnis wäre ein solcher Branchenverband die ideale Plattform, um grundlegende Fragen zu klären. Dazu zählen das Setzen von Standards in der Produktion, Absatzförderung und Innovationsförderung, aber auch in der Branchenkommunikation. Andere Länder sind uns in diesen Punkten voraus. Da müssen wir aufholen.
 
Ist die Interessengemeinschaft Genossenschaftliche Milcherzeugung ein erster Schritt in diese Richtung?
Schmal: Ich würde mir das wünschen. Allerdings scheint der Schritt zum Branchenverband, der eben auch die Allgemeinverbindlichkeit mit sich bringen würde, schwierig zu sein. Möglicherweise liegt das an der überaus heterogenen Struktur der Genossenschaften in Deutschland. Ich hoffe sehr, dass man da weiterkommt und die jetzigen Bedenkenträger noch mit ins Boot bekommt.
 
Unterschiedliche Interessen soll es nicht nur in den Reihen der Molkereien, sondern auch bei den Milcherzeugern in Deutschland geben. Wie kriegen Sie diese auf einen Nenner, etwa, wenn es um das Thema „Standardsetzung“ geht?
Schmal: Mit viel Geduld. Die Entwicklung eines Nachhaltigkeitsmoduls Milch unter dem Dach des Vereins QM Milch hat mehr als drei Jahre gebraucht. Ich kann daher nachvollziehen, dass Unternehmen wie Lidl oder Aldi unruhig werden und selbst die Initiative ergreifen.
Dass es bei uns auch schneller gehen kann, zeigt das Beispiel Anbindehaltung. Hier haben wir es innerhalb von vier Monaten geschafft, ein gemeinsames Positionspapier zu erarbeiten. Das entspricht im Verbandsgeschehen Lichtgeschwindigkeit…
 
...ist aber trotzdem nicht schnell genug.
 Schmal: Dafür liegen die Gründe auf der Hand. Ich nenne ein zweites Beispiel, den Verzicht auf den Einsatz von Glyphosat. Die Betriebe im Süden sagen: Kein Problem, wir arbeiten glyphosatfrei. Für sie ist das so, als wenn ein Nichtrauer dem Tabak abschwört. Bei der Anbindehaltung ist es genau umgekehrt. Da sagen die Betriebe im Nordosten: Können wir ruhig machen. Kunststück, dort gibt es nämlich keine Anbindehaltung mehr. Die Einheitlichkeit, die uns im Verband immer stark gemacht hat, stellt in puncto Standards ein großes Problem dar.
 
Warum braucht man immer Einheitlichkeit? Marktdifferenzierung bietet Chancen.
Schmal: Da stimme ich Ihnen zu. Das gilt aber in erster Linie für kleinere Molkereien. Für große ist das bedeutend schwieriger. Die sind nun mal darauf angewiesen, große Mengen an Rohstoff zu bekommen, die einheitlichen Kriterien unterliegen. Umso wichtiger wird es sein, dass wir es schaffen, uns rasch auf einheitliche Standards zu verständigen, wenn dies gefordert ist.
 
Die Tierwohldiskussion hat die Milchviehhaltung bisher nur gestreift. Wenn sich das ändern sollte, ist denn die Branche hinreichend vorbereitet auf eine verschärfte Diskussion?
Schmal: Ich denke, dass die Milchviehhaltung in Deutschland im Hinblick auf Tierschutz und Tierwohl gut aufgestellt ist. Die Ställe sind in den letzten Jahren immer besser geworden. Wir haben daher keinen Grund, uns vor der Tierwohldiskussion zu fürchten. Moderne Milchviehställe sind Vorzeigeobjekte der heutigen Landwirtschaft.
 
Text: age
Foto: LW Hessenbauer