„Lebensmittelskandale führen immer zu einer Verbraucherverunsicherung und Kaufzurückhaltung sowie zu einem Imageverlust und enormen wirtschaftlichen Schäden in der Landwirtschaft. Oft werden dann die Landwirte unter Generalverdacht und an den Pranger gestellt, obwohl die Ursache meist in den vor- und nachgelagerten Bereichen steckt.“ Das sagte der Präsident des Hessischen Bauernverbandes, Friedhelm Schneider, zur Eröffnung des Lehrerkongresses 2011 am 2. August in Runkel.
Das Hessische Ministerium für Umwelt, Energie, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, das Hessische Kultusministerium und der Hessische Bauernverband hatten bereits zum siebten Mal zu dieser gemeinsamen Veranstaltung eingeladen. Rund 60 Lehrerinnen und Lehrer waren der Einladung gefolgt, um sich über das Thema „Lebensmittelsicherheit – vom Acker bis zur Ladentheke“ zu informieren. „Wir Landwirte tragen eine große Verantwortung in der Lebensmittelkette, dessen sind wir uns bewusst. Wir produzieren hochwertige und gesunde Lebensmittel unter sehr hohen Verbraucher-, Tierschutz-, Umwelt- und Sozialstandards.“, betonte Präsident Schneider. Leider seien die landwirtschaftlichen Erzeugerpreise in Relation zu den hohen Produktionskosten viel zu niedrig. Der Anteil der Landwirtschaft an den Verbraucherausgaben für Nahrungsmittel sei in Deutschland auf 21 Prozent gesunken. Anfang der achtziger Jahre habe dieser Anteil mit rund 44 Prozent mehr als doppelt so hoch gelegen. Präsident Schneider appellierte mit dem Hinweis auf die Initiative „Bauernhof als Klassenzimmer“ an die Lehrer, mit ihren Schulklassen landwirtschaftliche Betriebe zu besuchen: „Dort erfahren die Schüler aus erster Hand, wo unsere Lebensmittel herkommen und unter welchen Bedingungen und mit welchem Aufwand sie produziert werden.“
„Ich wünsche mir und würde mich sehr freuen, wenn jedes hessische Schulkind mindestens einmal während seiner Schulzeit einen Bauernhof besucht und auch einmal hinter die Kulissen schaut“, so Schneider. Landwirte hätten nichts zu verbergen – ganz im Gegenteil, sie stünden für Transparenz in der Tierhaltung und im Ackerbau und suchten den Dialog mit Lehrern, Schülern und Verbrauchern.
„Lebensmittelsicherheit und Verbraucherschutz sind sehr wichtige Themen und von höchster Priorität“, betonte Dr. Arno Zips, Hessisches Ministerium für Umwelt, Energie, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (HMUELV) in seinem Grußwort. Die Ernährungsbildung müsse einen höheren Stellenwert erhalten. In diesem Zusammenhang hätten sich die Initiative „Bauernhof als Klassenzimmer“ und die Lehrerkongresse bewährt. Daniela Born-Schulze, HMUELV, und Leiterin der Arbeitsgruppe „Bauernhof als Klassenzimmer“ wies darauf hin, dass es beim diesjährigen Lehrerkongress darum gehe aufzuzeigen, welche Anstrengungen von landwirtschaftlichen Betrieben und Verarbeitungsunternehmen bis hin zum Lebensmitteleinzelhandel unternommen würden, um einen bestmöglichen Verbraucherschutz zu gewährleisten.
Karl-Eckart Mascus ging auf die veränderte Wertschützung landwirtschaftlicher Produkte und das veränderte Ernährungsverhalten der Verbraucher ein. "Sie wollen preiswerte beziehungsweise billige Lebensmittel und haben den Bezug zur Landwirtschaft verloren", merkte nicht ohne Kritik der Leiter des Amtes für den ländlichen Raum, Umwelt, Veterinärwesen und Verbraucherschutz im Kreis Limburg-Weilburg an. Dieser Lehrerkongress wolle gegensteuern.
Habe ein Haushalt vor 50 Jahren noch 40 Prozent seines Budgets für Lebensmittel ausgegeben, seien es heute gerade noch 18 Prozent, berichtete Mascus. "Die Landwirtschaft prägt unsere Kulturlandschaft, wird aber selbst europäisch und immer stärker global geprägt", erklärte der Amtsleiter den "explodierenden technischen Fortschritt und die starke Zunahme der Produktivität". Habe in den 1950-er Jahren ein Landwirt 15 Menschen ernährt, so seien es heute über 120.
Der Markt habe zur Spezialisierung in der Produktion, zum Ackerbau oder zur Schweineproduktion geführt, und die Erträge (nicht die der Landwirte) in die Höhe schnellen lassen. Im Kreis Limburg-Weilburg würden von 670 Betrieben 32.000 Hektar bewirtschaftet. Sechs Prozent der Flächen (hessenweit zehn Prozent) würden von über 30 Betrieben im ökologischen Landbau bewirtschaftet. Mascus machte die Lehrerschaft auch auf das große Problem des Landschwundes aufmerksam und betonte: "Wir verlieren täglich sechs Hektar in Hessen für alle möglichen Projekte.
Das sind zehn Fußballfelder."
Oliver Thelen, stellvertretender Geschäftsführer von QS Qualität und Sicherheit GmbH Bonn, stellte die Arbeit des Unternehmens vor. Das Qualitätssicherungssystem sei im November 2001 nach dem BSE-Skandal für die Herstellung, Verarbeitung und Vermarktung von Fleisch und Wurst geschaffen und 2004 um Geflügel, Obst, Gemüse und Kartoffeln erweitert worden. Nur wer alle Voraussetzungen erfülle, dürfe das QS-Zeichen tragen, das Verbrauchern geprüfte Qualität signalisiere. Im Bereich Fleisch und Fleischwaren hätten sich dem stufenübergreifenden Qualitätssicherungssystem bis heute rund 110.000 Systempartner, darunter 10.200 aus dem Ausland, angeschlossen. Bei Obst, Gemüse und Kartoffeln seien aktuell 23.400 Partner, davon 4.100 aus dem Ausland, registriert. Thelen wies auf die umfangreichen Prüfkriterien auf allen Produktionsstufen hin sowie auf das Salmonellen- und Rückstandsmonitoring. In der Lebensmittelkette Fleisch und Fleischwaren seien Tierschutzkriterien von herausragender Bedeutung. Betriebe, die diese nicht einhielten, würden gesperrt.
Antje Schultheiß vom Regierungspräsidium Gießen und Dr. Karin Herfen vom Veterinäramt des Landkreises Limburg-Weilburg, stellten die Futter- und Lebensmittelkontrollen vor. Beate Zwick, Agrar-, Beratungs- und Controll GmbH, Zertifizierungsstelle Alsfeld, berichtete über die Aufgaben der HVL-Tochter, die z.B. QS - , Geprüfte Qualität Hessen -, Öko- und Landmarktbetriebe kontrolliert. Mit dem Hinweis „Verbraucherschutz ist unser Auftrag“ erläuterte Dr. Roy Ackmann die vielfältigen Aufgaben des Landesbetriebs Hessisches Landeslabor, der zum Beispiel Böden, Futtermittel, Saatgut, Düngemittel und Lebensmittel untersucht. Hartmut König, Verbraucherzentrale Hessen, sagte, dass jedes Gesetz und jede Verordnung ein gesellschaftlicher Kompromiss sei. Jeder Standort zeige, dass es noch Lücken im System gebe. Insofern sei das neue Internetportal www.lebensmittelklarheit.de hilfreich.
"Milch - vielseitig und wertvoll. Von der Gewinnung bis zur Bedeutung für die menschliche Ernährung." Über dieses Schulprojekt der beruflichen Adolf-Reichwein-Schule in Limburg informierte deren stellvertretende Leiterin Astrid Häring-Heckelmann. Bei diesem Projekt, das im nächsten Jahr starten soll, komme es ihr darauf an, beispielsweise die Wertschätzung für Lebensmittel zu erhöhen. Die Schüler sollen Produktionskreisläufe kennen lernen und über eine gesunde Ernährung informiert werden. Nicht zuletzt soll dabei auch die Kommunikation zwischen Verbrauchern und Produzenten verbessert werden. Das war unter anderem auch Sinn und Zweck der drei Betriebsbesichtigungen in Runkel-Schadeck am Nachmittag.
Interessante Betriebsbesichtigungen
Auf dem Hof von Gerhard Kreckel erfuhren die Lehrer, dass die Gewinnmargen in der Schweinemast aufgrund deutlich gestiegenen Futterkosten bedrohlich gesunken sind. Da Gerhard Kreckel seine rund 3.000 Schweine pro Jahr auch mit Molke und Brotresten füttert, sind die Futterkosten in seinem Unternehmen nicht in dem Maße explodiert. Im Milchviehbetrieb von Roland und Heiko Schmidt beeindruckte besonders der Melkroboter, der rund um die Uhr täglich 73 Kühe melkt. Neben der Milchviehhaltung und dem Ackerbau ist die Direktvermarktung von Kartoffeln ein weiteres Standbein im Betrieb der Familie Schmidt.
Auf dem Bauernhof der Familie Edgar Zanger, den Seniorchefin Ute Zanger mit großer Überzeugung vorstellte, lernten die Pädagogen einen professionellen Direktvermarkterbetrieb kennen. Die Milch der 40 Milchkühe wird zur Käse- und Speiseeisherstellung (20 verschiedene Sorten) verwendet. Die Mastschweine werden in der hofeigenen Metzgerei geschlachtet und verwurstet. Für die Abteilung Fleisch- und Wurstwaren zeichnet Metzgermeisterin Nadine Zanger verantwortlich. Die Abteilung Partyservice und Speiseeis leitet die ausgebildete Köchin und Betriebswirtin Ramona Zanger. Dennoch gibt es laut Ute Zanger keine strikte Aufgabenverteilung: „Egal welche Arbeiten anstehen, die ganze Familie packt mit an.“ Der Verkauf der Produkte erfolgt einerseits über den Hofladen, andererseits über Wochenmärkte sowie über die „Landmarkt“-Schiene in Rewe-Märkten.
Der Lehrerkongress 2011 machte einmal mehr deutlich, dass die Betriebsbesichtigungen für die Lehrerinnen und Lehrer neben den Fachinformationen einen hohen Stellenwert haben. Gut angenommen wurden auch dieses Mal die zahlreichen Infostände im Foyer der Stadthalle Runkel.
Dieter Fluck / hbv
Fotos: Bernd Weber / Dieter Fluck
In der Kaffeepause bot sich die Gelegenheit zum Gedankenaustausch. Von links nach rechts: Hartmut König, Karl-Eckhart Mascus, Friedhelm Schneider und Dr. Arno Zips.
Gerhard Kreckel (rechts) erklärt den Lehrern die Kostenstruktur in der Schweinemast.
Ute Zanger (rechts) beschreibt die Arbeitsabläufe bei der Speiseeisherstellung