28.09.2017

Unsere Landwirtschaft - wir brauchen sie zum Leben
HBV-Präsident Karsten Schmal zum Erntedank

Liebe Bäuerinnen und Bauern,

während am vergangenen Sonntag die Bundestagswahl das alles beherrschende Thema war, steht für die Landwirtschaft am kommenden Sonntag das Erntedankfest im Mittelpunkt.

Zweifelsohne hat die Politik einen großen Einfluss auf unsere Arbeit, die Ernteergebnisse sind jedoch in hohem Maße vom Wetter abhängig. Das bekamen wir in diesem Jahr erneut zu spüren. Die Wintermonate und das Frühjahr waren viel zu trocken. Hagel und Sturmböen richteten in einzelnen Gemarkungen große Schäden an. Das unbeständige Wetter im Juli und August mit heftigen Gewittern und Starkregen führte dazu, dass die Getreideernte immer wieder unterbrochen werden musste.

Mit einer Gesamterntemenge von mehr als zwei Mio. Tonnen Getreide können wir alles in allem zufrieden sein. Damit liegen wir etwa fünf Prozent über dem Vorjahr und bewegen uns auf dem Niveau der letzten Jahre. Die Erträge schwanken allerdings sehr stark in Abhängigkeit von der Niederschlagsverteilung und der Bodenqualität. Beim Winterraps, der eine insgesamt problematische Saison durchlaufen hat, lagen die Hektarerträge mehr als sechs Prozent unter dem vergangenen Jahr. Silomais, Kartoffeln und Zuckerrüben profitierten von der guten Wasserversorgung, die bisherigen Erträge sind überdurchschnittlich.

Risikovorsorge unterstützen

Spätfröste in der zweiten Aprilhälfte verursachten gravierende Schäden im Obstbau. Erdbeeren, Kirschen und Äpfel waren am stärksten betroffen. In frostgefährdeten Lagen gab es Ertragsminderungen von über 70 Prozent bis hin zu Totalausfällen. Die Sonderkulturbetriebe leiden sehr darunter. Unsere Forderung nach einer steuerlich begünstigten Risikovorsorge wird dadurch erneut bestätigt. Witterungs-, seuchen- oder marktbedingte Ertragsschwankungen können landwirtschaftliche Unternehmen ohne eigenes Verschulden in ihrer Existenz gefährden. Die Eigenvorsorge für Krisensituationen sollte deshalb ebenso wie in anderen Ländern vom Staat unterstützt werden.

Regionale Vermarktung wird begrüßt

Ein Schwerpunkt der hessischen Agrarpolitik ist die Förderung der regionalen Vermarktung, Beispiele dafür sind die Qualitätsmarke „Geprüfte Qualität – Hessen“ und die Initiative „Echt hessisch“. Das ist ganz in unserem Sinne. Wir sind der Landesregierung dafür sehr dankbar. Die regionale Vermarktung von Agrarprodukten funktioniert aber nur dann, wenn im Umfeld unserer Städte genügend Raum für die Landwirtschaft erhalten bleibt, Stallbauten ermöglicht und wertvoller Boden für Ackerbau und Grünlandnutzung geschützt werden. Wir sind angesichts des Bevölkerungsdrucks nicht gegen den Wohnungsbau, insbesondere in den Großstädten. Bevor allerdings ein neues Bau- oder Gewerbegebiet auf der „grünen Wiese“ ausgewiesen wird, sollten Baulücken im Innenbereich geschlossen und zum Beispiel ehemalige Militärflächen genutzt werden.

Nach langwierigen Diskussionen ist die neue Düngeverordnung Anfang Juni endlich in Kraft getreten. Erhebliche Einschränkungen, Verbote und Dokumentationspflichten sind damit verbunden. Es gibt darüber hinaus leider noch viele Unklarheiten, die endlich geklärt werden müssen. Es kann außerdem nicht angehen, dass die Düngeverordnung durch die Hintertür über die noch zu beschließende Stoffstrombilanz-Verordnung verschärft wird.

Dort, wo es Probleme mit Nitratgrenzwertüberschreitungen gibt, müssen diese vor Ort gelöst werden. Wir verwahren uns in diesem Zusammenhang gegen pauschale Obergrenzen und Reglementierungen.

Bauern leisten Beitrag zum Erhalt der Artenvielfalt

In Bezug auf die offensichtlich sinkende Artenvielfalt wird die moderne Landwirtschaft immer wieder pauschal an den Pranger gestellt. Ohne dass wissenschaftlich abgesicherte Ergebnisse vorliegen, haben einige Natur- und Umweltschutzorganisationen die intensive Landwirtschaft als Hauptverursacher für den Rückgang der Biodiversität ausgemacht. Daraus eine Neuausrichtung der Agrarpolitik abzuleiten, geht entschieden zu weit. Denn die moderne Landwirtschaft ist in den letzten Jahrzehnten durch den Einsatz neuer Technologien nachweislich umwelt- und naturverträglicher geworden.

Die hessischen Landwirte haben in diesem Jahr eindrucksvoll bewiesen, dass sie ihren Beitrag zum Erhalt der Artenvielfalt leisten, und zwar unter anderem mit der Initiative „Bienenfreundliches Hessen“, die der Hessische Bauernverband gemeinsam mit dem hessischen Landwirtschaftsministerium und der Landesverband hessischer Imker auf den Weg gebracht hat. Mehr als 110 landwirtschaftliche Betriebe haben in diesem Zusammenhang 350 Blühstreifen angelegt, die Bienen nach der Blüte des Rapses eine hervorragende Nahrungsquelle bieten.

Auch in der landwirtschaftlichen Tierhaltung sind unsere Bauern mit der „Initiative Tierwohl“ auf einem guten Weg. Die in der Diskussion befindliche Nutztierhaltungsstrategie wird weitere Verbesserungen bringen.

EU-Direktzahlungen sind unverzichtbar

Aus der vom Deutschen Bauernverband in Auftrag gegebenen Studie „Kosten europäischer Umweltstandards und von zusätzlichen Auflagen in der deutschen Landwirtschaft“ geht hervor, dass die Leistungen der Landwirte für Umwelt-, Klima- und Tierschutz jährlich über 5,2 Mrd. Euro oder 315 Euro je Hektar wert sind. Wir stehen uneingeschränkt zu diesen hohen Standards in den Bereichen Gewässerschutz, Düngung, Pflanzenschutz und Tierhaltung. Unsere Berufskollegen außerhalb der EU haben allerdings deutlich weniger Auflagen zu erfüllen. Damit entstehen uns erhebliche Wettbewerbsnachteile. Bislang sind die EU-Direktzahlungen unverzichtbar. Das muss bei der künftigen Ausrichtung der Gemeinsamen Europäischen Agrarpolitik unbedingt berücksichtigt werden.

Nach wie vor ist es unser vorrangiges Ziel, regionale und internationale Märkte mit qualitativ hochwertigen Lebensmitteln zu versorgen. Wir stellen uns auch den zunehmenden gesellschaftlichen Anforderungen, diese müssen allerdings praktikabel und wirtschaftlich tragfähig sein. Im Gegenzug erwarten wir von Politik und Gesellschaft ein klares Bekenntnis zur heimischen Landwirtschaft und ihren Leistungen für Stadt und Land.

In diesem Sinne wünsche ich uns in ganz Hessen viele Erntedankfeste, in denen unseren Mitmenschen auch die Bedeutung der Landwirtschaft vor Augen geführt wird, beispielsweise mit den Worten: „Unsere Landwirtschaft – wir brauchen sie zum Leben“.

Ihr

Karsten Schmal,

Präsident des Hessischen
Bauernverbandes