26.08.2019

Konstruktive Diskussionen im HBV-Verbandsrat
Gremiensitzung des Hessischen Bauernverbandes in Alsfeld-Eudorf
 
Getreideernteergebnisse, die Diskussionen um den Klimaschutz, das Mercosur-Abkommen und die Düngeverordnung waren Schwerpunkte der agrarpolitischen Übersicht von Karsten Schmal, dem Präsidenten des Hessischen Bauernverbandes, auf der Gremiensitzung des Verbandes am vergangenen Freitag in Alsfeld-Eudorf. Da dieses Mal bewusst kein Fremdreferent eingeladen war, hatten die Mitglieder des Erweiterten Verbandsrats und des Erweiterten Präsidiums ausgiebig Gelegenheit, aktuelle Themen zu diskutieren.  
„Nach ersten vorläufigen Ergebnissen haben wir in Hessen in diesem Jahr insgesamt 2,2 Mio. Tonnen Getreide geerntet. Im Dürrejahr 2018 waren es 1,7 Mio. Tonnen und im Schnitt der Jahre 2013 bis 2018 2,1 Mio. Tonnen. Die Steigerung gegenüber dem Vorjahr von fast 26 Prozent geht hauptsächlich auf die Ausweitung der Getreideanbaufläche um rund 25.000 Hektar zurück“, betonte Schmal. Mit 70 Dezitonnen je Hektar lägen die Wintergerstenerträge 22 Prozent über dem Vorjahr und 4 Prozent über dem Mittel der letzten sechs Jahre. Beim Winterweizen, der besonders unter der Hitze im Juni gelitten habe, lägen die durchschnittlichen Hektarerträge mit 79 Dezitonnen 14 Prozent über dem Vorjahr und in etwa auf der Höhe des sechsjährigen Mittels. Mit 33 Dezitonnen je Hektar hätten die Rapserträge zwar das Vorjahresniveau um 13 Prozent übertroffen, lägen aber 12 Prozent unter dem sechsjährigen Mittel.
 
Politik muss Anstrengungen der Bauern unterstützen
 
Der anhaltende Hype um Greta Thunberg, die Fridays-for-Future-Begründerin, und die Klimakrise würden von vielen Politikern gerne aufgegriffen, um Vorschläge zur Rettung der Welt zu formulieren. In Bezug auf die Landwirtschaft werde unter anderem vorgeschlagen, weniger Tiere zu halten und den Fleischverzehr zu verringern. „Der Anteil der Landwirtschaft an den Gesamtklimagasemissionen Deutschlands liegt derzeit bei sieben Prozent. Land- und Forstwirtschaft binden jährlich aber auch rund 15 Mio. Tonnen Kohlendioxid“, so Schmal. Über den Ausbau der Bioenergie, den Anbau von nachwachsenden Rohstoffen und die Kohlendioxidbindung im Bodenhumus wolle der Berufstand noch mehr zum Klimaschutz beitragen. Die Landwirtschaft sei einerseits in hohem Maße vom Klimawandel betroffen, andererseits auch Teil der Lösung. Die Politik müsse die Anstrengungen der Bauern durch entsprechende Rahmenbedingungen unterstützen. Dazu gehörten zum Beispiel neue Züchtungsverfahren wie CRISPR/Cas. Australische Forscher hätten mit dieser Technologie im vergangenen Jahr Maispflanzen gezüchtet, die dem Klimawandel trotzen und ertragreicher seien als heutige Sorten. Die Hitze- und Dürreresistenz und somit die Produktivität dieser Maispflanzen verbesserte sich durch die neuen Züchtungsverfahren mit grüner Gentechnik um 15 Prozent.   In Bezug auf das von der EU-Kommission und den Mercosur-Staaten (Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay) vereinbarte Handelsabkommen stellte Präsident Schmal fest, dass es nicht sein könne, dass die Bauern mal wieder die Verlierer seien. Offensichtlich hätten Maschinen- und Industrieerzeugnisse in Europa einen höheren Stellenwert als die Landwirtschaft. „Alle Lebensmittel und Agrarrohstoffe aus den Mercosur-Staaten müssen die in der EU geltenden Verbraucherschutz- und Nachhaltigkeitsstandards erfüllen“, forderte Schmal. In dem Abkommen, das kurz vor dem Abschluss stehe, sei zwar ein Nachhaltigkeitskapitel enthalten, ob die damit verbundenen Kriterien auch eingehalten und kontrolliert würden, sei zweifelhaft. Obwohl Handelsvereinbarungen grundsätzlich positiv zu bewerten seien, sieht Schmal das neue Rindfleischabkommen zwischen der EU und den USA kritisch. Das größte Problem bestehe darin, dass die EU zunehmend Zugeständnisse zu Lasten der europäischen Landwirte mache. Auch vor dem Hintergrund der Klimadiskussion seien solche Marktöffnungen, die oft weite Transportwege und die Abholzung von Regenwald zur Folge hätten, nicht zu rechtfertigen. Während hierzulande Standards und damit Produktionskosten immer weiter steigen, würden Importen aus Drittstaaten Tür und Tor geöffnet, unabhängig von den dort geltenden Standards. Mit dieser Doppelmoral müsse endlich Schluss sein. Wichtig sei in diesem Zusammenhang eine eindeutige Herkunftskennzeichnung. Sie sollte vom Staat organisiert und verpflichtend sein. So hätten die Verbraucher die nötige Transparenz und könnten ihr Einkaufsverhalten entsprechend anpassen.  
 
Unmut wegen erneuter Verschärfung der Düngeverordnung
 
Dass die EU-Kommission bei der Düngeverordnung, die erst vor zwei Jahren novelliert wurde, von Deutschland weitere Nachbesserungen verlangt, stieß bei den Verbandsratsmitgliedern zu Recht auf großen Unmut. Laut Schmal habe die Bundesregierung nur noch einen Monat Zeit, um gemeinsam mit den Ländern erneut eine Einigung zu erzielen und zu einer einvernehmlichen Lösung zu kommen. Das Bundeslandwirtschaftsministerium und das federführende Bundesumweltministerium versuchten, die Kritikpunkte der EU-Kommission zu entkräften. Natürlich bringe sich auch der Bauernverband in die Gespräche ein. „Aus berufsständischer Sicht ist eine weitere Verschärfung der Düngeverordnung unangemessen und unverhältnismäßig“, betonte Schmal. Das gelte insbesondere für die vorgeschriebene Reduzierung der N-Düngung in den roten Gebieten um 20 Prozent unter dem Pflanzenbedarf. Die sehr großflächige Ausdehnung der roten Gebiete sei überzogen. Der Bauernverband fordere eine Verringerung auf die wirklichen Problemzonen. Dabei müsse im Bereich der kritischen Messstellen auch geprüft werden, ob Nitratbelastungen überhaupt aus der Landwirtschaft kämen oder vielleicht undichte Kanäle die Ursache seien. Die Landwirtschaft habe grundsätzlich ein großes Interesse am Gewässerschutz. Kooperationen in Wasserschutzgebieten hätten sich in diesem Zusammenhang bewährt. Deshalb sollten diese Beratungsangebote fortgeführt und weiterhin unterstützt werden. Wenig Verständnis zeigten die Gremienmitglieder dafür, dass die Hessische Ausführungsverordnung zur Bundes-Düngeverordnung vom 2. Juni 2017 erst jetzt in Kraft treten soll.  
 
Schlechte Stimmung auf den Betrieben
 
„Was mir Sorgen macht, ist die schlechte Stimmung auf den Betrieben, die meist darauf zurückgeht, dass die Bauern an allem schuld sein sollen“, sagte Schmal. Er verwies in diesem Zusammenhang auf die fehlende Verlässlichkeit der Politik und den damit in Hessen einhergehenden dramatischen Rückgang der Nutztierbestände, mit Ausnahme des Geflügelsektors. Die Vorsitzende des RBV Wetterau u. Frankfurt a.M., Andrea Rahn-Farr, regte an, in Bezug auf die drohenden negativen Folgen des Mercosur-Abkommens und die praxisfremde, überzogene Verschärfung der Düngeverordnung eine Bauerndemonstration in Wiesbaden zu organisieren. Nach Empfehlungen des HBV-Vorstands hat man sich darauf verständigt, zunächst weitere Gespräche mit der Landesregierung abzuwarten. Im Hinblick auf das Mercosur-Abkommen, dem das EU-Parlament noch zustimmen muss, sei Brüssel die bessere Adresse.
 
Der Vorsitzende des RBV Kurhessen, Norbert Klapp, berichtete von der letzten Sitzung des HBV-Ausschusses „Vieh und Fleisch“, in der Dr. Hans-Joachim Herrmann, Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen, über den aktuellen Stand der Neuregelungen zum Schwänzekupieren bei Ferkeln informierte. Hessen hinke im Vergleich zu anderen Bundesländern hinterher und habe die neuen Vorgaben viel zu spät erlassen. Der derzeitige Entwurf zur Haltung von Zuchtsauen in Kastenständen sei „ganz bitter“. Mit Blick auf die verschiedenen Alternativen zur betäubungslosen Ferkelkastration betonte Klapp, dass es den zunächst favorisierten so genannten „vierten Weg“, die Lokalanästhesie, nicht geben werde. Im Herbst müsse man die Bauern informieren, damit sie sich rechtzeitig auf die dann zulässige Methode nach dem Ende der betäubungslosen Ferkelkastration ab dem 1. Januar 2021 einstellen könnten.
Der neue Vorsitzende des Kreisbauernverbandes Limburg-Weilburg, Marco Hepp (rechts), und der neue Geschäftsführer der Kreisbauernverbände Limburg-Weilburg und Rheingau-Taunus, Jonas Bachmann (Mitte), stellten sich in der Gremiensitzung vor. Der 40-jährige Agrartechniker Hepp bewirtschaftet in Hünfelden-Dauborn einen Ackerbaubetrieb mit 450 Zuchtsauen. Bachmann ist 23 Jahre alt und hat in Halle Agrarwissenschaften (Master) studiert. Er kommt aus der Rhön und hat das Verbandsgeschehen durch ein mehrmonatige Praktikum beim KBV Fulda-Hünfeld kennengelernt. Als Vorsitzender des Kreisbauernverbandes Rheingau-Taunus und HBV-Vizepräsident freut sich Thomas Kunz (links) auf eine gute Zusammenarbeit.