14.07.2014

Durchschnittliche Getreideernte in Hessen erwartet
Heftige Niederschläge haben Spuren hinterlassen

Die Vier-Generationen-Landwirtsfamilie Horn, mit HBV-Präsident Friedhelm Schneider (2. v. l.) und den Vertretern des Regionalbauernverbandes Starkenburgs, v. r.: Hubert Wolf, Dr. Willi Billau und Gerhard Jung.
 „Wir rechnen in diesem Jahr in Hessen mit einer durchschnittlichen Getreideernte mit einem Gesamtertrag um die 2 Millionen Tonnen Getreide.“ Das sagte der Präsident des Hessischen Bauernverbandes, Friedhelm Schneider bei einem Pressegespräch zur Getreideernte am Montag (14. Juli) vor zahlreichen Medienvertretern auf dem landwirt-schaftlichen Betrieb Manfred und Christian Horn GbR im südhessischen Babenhausen. Diese Prognose sei allerdings mit vielen Unwägbarkeiten behaftet, weil bislang nur ein Teil der Wintergerstenflächen abgeerntet sei und das Wetter den Landwirten einen Strich durch die Rechnung machen könne. „Die heftigen Niederschläge der vergangenen Woche haben vielerorts ihre Spuren hinterlassen. Rapsschoten sind aufgeplatzt und Getreidehalme umgeknickt“, berichtete Schneider.
Die ersten Druschergebnisse bei der Wintergerste aus dem Hessischen Ried und dem Rhein-Main-Gebiet sind zufriedenstellend bis gut. Die Anbaufläche beläuft sich auf 66.500 Hektar. Die Erträge liegen je nach Standort und Niederschlagsverteilung auf dem Niveau des Durchschnittsertrages des Vorjahres von 65,2 Dezitonnen je Hektar.
Mit einer Anbaufläche von 165.700 Hektar ist der Winterweizen mit Abstand die wichtigste Getreideart in Hessen. Er nimmt mehr als die Hälfte der hessischen Getreidefläche von rund 300.000 Hektar ein. Wegen der Trockenheit im Juni reifte der Weizen vor allen in den Frühdruschgebieten zu früh ab und wird deshalb sein Ertragspotential voraussichtlich nicht voll ausschöpfen können. „Den überdurchschnittlichen Vorjahresertrag von 85 Dezitonnen je Hektar werden wir deshalb in diesem Jahr wohl nicht erreichen“, so Schneider.
Winterraps wächst in diesem Jahr in Hessen auf einer Fläche von 63.100 Hektar. Das entspricht in etwa der Anbaufläche des Vorjahres. Obwohl der Raps gut über den Winter gekommen ist, waren die Bestände nicht zuletzt aufgrund der großen Trockenheit teilweise lückig. Durch den Starkregen der vergangenen Woche sind in einigen Winter-rapsbeständen die Rapsschoten aufgeplatzt. Gravierende Ertragsverluste sind die Folge. Auch gab es hier und da Probleme mit Pilzkrankheiten. „Deshalb wird es schwierig, an das durchschnittliche Ertragsniveau der vergangenen Jahre von 37 Dezitonnen je Hektar heranzukommen“, sagte Schneider.
Aufgrund von europa- und weltweit guten Ernteerwartungen stehen die Börsennotierungen und somit auch die Erzeugerpreise bei Getreide und Ölsaaten seit einiger Zeit unter Druck. Für die Preisbildung spielt laut Präsident Schneider aber auch die weltweite Nachfrage eine große Rolle. Eine vom amerikanischen Landwirtschaftsministerium für dieses Jahr prognostizierte nahezu ausgeglichene Weltweizenbilanz mit einem Produk-tions- und Nachfragevolumen von rund 700 Millionen Tonnen nährt die Hoffnung auf sich stabilisierende Weizenpreise.
Zuckerrüben und Kartoffeln haben sich aufgrund der Trockenheit an manchen Standorten sehr zögerlich entwickelt. „Die Mai-Niederschläge konnten vieles wettmachen, so dass wir bei diesen Hackfrüchten ebenfalls mit guten Durchschnittserträgen rechnen können“, so die Einschätzung des Bauernpräsidenten.
Sorgen bereiteten derzeit die dramatisch gesunkenen Frühkartoffelpreise auf unter 10 Euro pro Dezitonne. Das seien 40 Prozent weniger als im Vorjahr. Auch der Silomais hat unter der Frühjahrstrockenheit gelitten. Es gibt zwar noch einen Wachstumsrückstand, mittlerweile haben sich die Bestände aber erholt. Bis zur Ernte im September könne die Natur noch einiges aufholen.
„Die Spargelanbauer sind mit der diesjährigen Ernte sehr zufrieden. Die Saison hat vier Wochen früher begonnen als im Vorjahr und zwei Wochen früher als im Schnitt der Jahre“, betonte Schneider. Die warme Witterung im März und im April habe das Wachstum begünstigt. Präsident Schneider geht davon aus, dass die Gesamterntemenge in diesem Jahr in Hessen über 10.000 Tonnen liegen werde. 2012 wurden in Hessen 9.600 Tonnen Spargel geerntet, 2013 waren es 9.500 Tonnen.
„Auch die Erdbeeren wuchsen in diesem Jahr unter wesentlich besseren Bedingungen heran. Im Haupterntemonat Juni drückte das große Angebot jedoch auf die Erzeuger-preise. Das war erfreulich für die Verbraucher, aber unbefriedigend für uns Landwirte“, hob Schneider hervor.
Dr. Willi Billau, Vorsitzender des Regionalbauernverbandes Starkenburg, wies darauf hin, dass er in seinem Unternehmen aufgrund der Trockenheit schon Ende Mai 100.000 Kubikmeter Beregnungswasser verbraucht und damit das Jahresbudget für die ertrags- und qualitätssichernde Beregnung ausgeschöpft habe. „80 Prozent des hessischen Spargels und etwa die Hälfte der hessischen Erdbeeren werden in Südhessen angebaut. Diese Früchte tragen enorm zur Wertschöpfung in unseren Betrieben bei“, betonte Billau. Wegen der Flächenknappheit, die sich durch den Bau von zum Beispiel neuen Logistikzentren verschärfe, sei man auf eine intensive Bewirtschaftung angewiesen.
Er kritisierte das jetzt auch vom Bundesrat verabschiedete „Gesetz zur Einführung eines Mindestlohns.“ Weil das Lohnniveau in anderen EU-Mitgliedsstaaten deutlich unter dem Mindestlohn von 8,50 Euro je Stunde läge, bestehe die Gefahr, dass der Sonder-kulturanbau in diese Länder abwandere und Deutschland somit Marktanteile verliere. Billau ging auch auf die dramatisch gesunkenen Frühkartoffelpreise ein. „Während die Verbraucher für Frühkartoffeln im Lebensmitteleinzelhandel aktuell zum Teil nur 99 Cent je Kilogramm bezahlen, erhalten wir gerade einmal 10 Cent für das Kilo“, so der Vorsitzende des Regionalbauernverbandes Starkenburg.
Landwirt Manfred Horn, der den von seinen Eltern 1960 erbauten Aussiedlerhof vorstellte, hat den Betrieb 1982 übernommen und bewirtschaftet ihn seit 2011 gemeinsam mit Sohn Christian. Das Unternehmen wurde kontinuierlich weiterentwickelt. Mit einer land-wirtschaftlich genutzten Fläche von 170 Hektar liegt der Schwerpunkt beim Ackerbau. Vor rund 15 Jahren wurde die Milchviehhaltung aufgegeben und durch eine Pensions-pferdehaltung ersetzt. Neben den üblichen Ackerkulturen werden in diesem Jahr sechs Hektar Dinkel und fünf Hektar Körnerfenchel angebaut. Eine weitere Besonderheit ist die Erzeugung von Rollrasen auf einer Fläche von 13 Hektar. Weizen, Dinkel, Roggen und Gerste werden seit 2004 über die Qualitätsmarke „geprüfte Qualität Hessen“ erfolgreich vermarktet. Bei der Bekämpfung der Lebensmittelmotte arbeitet der Betrieb Horn mit Pheromonfallen und setzt gegen diesen Vorratsschädling gezielt Schlupfwespen ein.