17.01.2020

"Bauern werden im Stich gelassen"
Bundesweite Bauernproteste/Start der Grünen Woche in Berlin

Interview mit dem Generalsekretär des Hessischen Bauernverbandes, Peter Voss-Fels, im Wiesbadener Kurier und anderen Zeitungen der VRM-Gruppe vom 16.1.2020
Immer mehr Vorgaben, aber immer weniger Wertschätzung - die Stimmung bei den Bauern ist schlecht und gereizt. Peter Voss-Fels, Generalsekretär des Hessischen Bauernverbandes, über die Lage der Landwirte.  
 
Herr Voss-Fels, die Proteste in den vergangenen Wochen haben deutlich gemacht: Den Bauern stinkt's. Warum?  
 
Nicht nur in den vergangenen Wochen, die Proteste werden weitergehen. Den Bauern stinkt es immer noch. Es gibt zentrale Punkte, bei denen sie sich von der Politik und der Gesellschaft alleingelassen fühlen, wo die Wertschätzung fehlt.  
 
Nämlich?    
 
Die geplanten neuen Vorgaben bei der Düngeverordnung und beim Aktionsprogramm Insektenschutz etwa. Beim Thema "Wolf", der sich immer weiter ausbreitet, werden die Weidetierhalter alleingelassen. Dann die Klimadiskussion, es gibt Vorwürfe, die Landwirtschaft  würde zu viel C02 erzeugen. Aus unserer Sicht zu Unrecht. Jeder Hektar Acker bindet mehr C02 als ein Hektar Wald, das gehört schon mal zur Habenseite. Dies alles führt  dazu, dass die Stimmung sehr getrübt  ist.    
 
Das Agrarpaket der Bundesregierung sieht höhere Vorgaben für mehr Tierwohl und schärfere Düngevorschriften auf Äckern vor. Was befürchten Sie?
Grundsätzlich: Wir in der Landwirtschaft  sind dazu bereit, sinnige Maßnahmen mitzutragen.  Beim Insektenschutz etwa haben wir in Hessen und anderen Bundesländern zahlreiche Blühstreifen neben den Feldern angelegt, um den Insekten ein Zuhause zu geben. Das war freiwillig, von Jahr zu Jahr haben wir da mehr getan. Bei der Düngeverordnung aber fangen die Probleme an.  
 
Welche?    
 
Wir sind jetzt noch dabei, die Verordnung von 2017 umzusetzen- und haben schon eine Diskussion über eine neue. Ohne dass wir wissen, ob es mit der bisherigen klappt, und ob wir damit die Nitratwerte in den Böden gesenkt bekommen. Dazu kommt, dass die Ergebnisse zur Nitratbelastung an einzelnen Messstationen Einfluss auf große Gebiete haben. Schlechte Einzelwerte dort können Sanktionen nach sich ziehen, obwohl die Ergebnisse an vielen anderen Messstationen in diesem Gebiet vielleicht viel besser sind. Sachlich und fachlich ist das alles schwer nachzuvollziehen. Und bei den neuen Tierwohlstandards  ist die Frage: Können wir die realisieren, ohne dass die Bauern die Kosten dafür alleine tragen?  
 
Vorgesehen ist auch ein Verbot von Glyphosat ab 2024. Geht's denn ohne Glyphosat?  
 
Es ist in der Vergangenheit ohne Glyphosat gegangen, und wenn es verboten wird, wird es auch in der Zukunft ohne gehen. Die Frage ist nur: Ist das vernünftig, oder ist das einfach nur eine populistische Entscheidung der Politik? Nach dem Motto: Wir stärken den lnsektenschutz, wenn wir das Glyphosat verbieten.  
 
Ist es denn vernünftig?    
 
Würden wir das fachlich klären, kämen wir weiter. Aber an dem Punkt sind wir noch gar nicht. Die Landwirtschaft ist sehr offen für Maßnahmen, die dem Insektenschutz helfen. Aber das Programm, das Landwirtschaftsministerin Klöckner und Umweltministerin Schulze zusammen gemacht haben: Wessen Handschrift trägt das eigentlich? Hat schon jemals jemand fachlich bewertet, ob und was das eigentlich nutzt, was da vorgeschlagen wird? Das scheint ein rein populistischer Vorstoß des Umweltministeriums zu sein. Stichwort Wertschätzung für die Arbeit der Bauern: Die Politik ist sicher nicht dafür verantwortlich, wenn Verbraucher möglichst billige Lebensmittel haben wollen. Die Anforderungen der Gesellschaft werden größer, aber nicht die Bereitschaft zu zahlen. Für uns Bauern heißt das: Wie stellen wir uns auf den Markt  ein? Das ist sehr vielschichtig. Wir stellen fest, dass es den Verbrauchern nicht nur um "möglichst billig" oder "möglichst öko" geht. Die Fragen zu den Produktionsbedingungen und zur Herstellung nehmen zu. Das macht die Arbeit als Rohstoffproduzent, als Nahrungsmittelproduzent nicht einfach, weil man die verschiedensten Wünsche berücksichtigen muss.  
 
Was heißt das?    
 
Es wird nach wie vor Produkte und Absatzwege geben, bei denen nur der Preis zählt, bei denen es egal ist, wie das produziert wird. Und es wird Produkte geben, da geht es um "möglichst gesund"; da spielen zum Beispiel auch Saisonalität und Regionalität eine Rolle.  
 
Wo müssen sich denn die Bauern bewegen?  
 
Wir müssen all diese Prozesse begleiten. Wir möchten uns aus der landwirtschaftlichen Grundproduktion nicht verabschieden und sagen: Jetzt machen wir nur noch das saubere Frühstücksei, und das Flüssigei kommt aus Drittstaaten. Wir möchten das produzieren, was die Verbraucher nachfragen. Und nicht das, was die Politik will. Oder was für uns als Bauern wünschenswert wäre. Was wir produzieren, muss auch absetzbar sein am Markt. Und wir Bauern müssen offen sein für neue gesellschaftliche Entwicklungen und Anforderungen.
 
Die Bewegung "Fridays for Future" hat in den vergangenen Monaten  viel Zulauf bekommen und viel Aufmerksamkeit. Oft mehr Aufmerksamkeit  als die Bauern.
Neidisch?  
 
Tja. Es ist eben eine Bewegung, die den Nerv der Zeit trifft. Wenn die Ressourcen begrenzt sind, müssen wir uns aber alle fragen, ob es vernünftig ist, diesen Weg so weiterzugehen. Von daher haben wir in der Landwirtschaft durchaus vergleichbare Ziele. Manchmal gibt es eben unterschiedliche Interessenlagen. Aber auch die Teilnehmer bei "Fridays for Future" müssen berücksichtigen, dass ihre Forderungen auch machbar sein müssen. Wir müssen das im gesellschaftlichen Konsens hinkriegen.    
 
 
Das Interview führte Christian Matz.