28.01.2020

Landwirtschaftliche Woche Südhessen mit heftigen Diskussionen
Landwirte fordern Überprüfung der Messstellen und Ursachenforschung

Die Kritik am Messstellennetz, das als Grundlage für die Ausweisung der roten Gebieten dient, zog sich wie ein roter Faden durch die Eröffnungsveranstaltung der gestrigen Eröffnung der Landwirtschaftlichen Woche Südhessen in Gernsheim. Neben dem Präsidenten des Hessischen Bauernverbandes, Karsten Schmal, und dem Vorsitzenden des Regionalbauernverbandes Starkenburg, Dr. Willi Billau, kritisierten viele Landwirte die großflächige Ausweitung der roten Gebiete und stellten das diesen zugrundeliegende Messstellennetz in Frage. Des Weiteren forderten sie anhand konkreter Messergebnisse aus dem eigenen Umfeld, die Ursachen für Nitratgrenzwertüberschreitungen genauer zu erforschen und die Schuld nicht immer den Bauern in die Schuhe zu schieben. Hessens Landwirtschaftsministerin Priska Hinz machte unmissverständlich klar, dass die bevorstehende Verschärfung der Düngeverordnung wohl kaum zu verhindern sei. Ansonsten drohten Deutschland hohe Strafzahlungen.  
 
Landwirte fühlen sich dem Gewässerschutz verpflichtet
 
„Der Schutz von Boden, Wasser und Luft hat für unsere Bauern einen sehr hohen Stellenwert“, betonte Präsident Schmal. Schließlich handele es sich hierbei um unsere natürlichen Lebens- und Produktionsgrundlagen. Im Übrigen fühlten sich die Landwirte dem Gewässerschutz verpflichtet. Es sei allerdings fraglich, ob die derzeit geplante erneute Novelle der Düngeverordnung den gewünschten Nutzen für den Gewässerschutz überhaupt erbringe. Die letzte Novellierung stamme aus dem Jahr 2017. Es dauere in der Regel 10 bis 15 Jahre, bis sich spürbare Verbesserungen bei den Nitratwerten im Grundwasser feststellen ließen. Anstatt der pauschalen Reduzierung der Stickstoffdüngung um 20 Prozent unter dem Pflanzenbedarf seien auf die gute fachliche Praxis gestützte Alternativen und zumindest Ausnahmeregelungen erforderlich. Kontrakproduktiv und nicht akzeptabel sei zudem das geplante generelle Düngeverbot zu Zwischenfrüchten. Eine Andüngung im Sommer sollte weiterhin möglich sein. Schmal forderte Ministerin Hinz auf, dem Beispiel anderer Bundesländer zu folgen und innerhalb der belasteten Gebiete eine Binnendifferenzierung vorzunehmen und so den Umfang der Flächen mit Reglementierungen bei der Stickstoffdüngung deutlich zu verringern. „Die Messdaten geben es her. Was fehlt ist der politische Wille“, hob Schmal hervor. Grundsätzlich sei es erforderlich, auch außerlandwirtschaftliche Nitrateintragsquellen zu prüfen, bevor die Landwirtschaft als alleiniger Verursacher ausgemacht werde. Beim Insekten- und Klimaschutz handele es sich um gesamtgesellschaftliche Aufgaben.
 
Nahrungsmittelproduktion muss um 70 Prozent gesteigert werden
 
„2050 werden rund 10 Milliarden Menschen auf dieser Erde leben. Um die alle zu ernähren, muss die Nahrungsmittelproduktion um 70 Prozent gesteigert werden“, hob Präsident Schmal hervor. Das sei eine Herkulesaufgabe, der sich die Bauern stellen würden. Denn hierzulande gebe es vergleichsweise gute Produktionsbedingungen. Viele andere Staaten beneideten uns deswegen. In diesem Zusammenhang bereite ihm der Schrumpfungsprozess in der Rinder- und vor allem Schweinehaltung große Sorgen. Leider sei der Rückgang in Hessen besonders gravierend. „Wir Landwirte wollen sowohl die regionalen Märkte, die sich zunehmender Beliebtheit erfreuen, als auch die internationalen Märkte bedienen. Durch unser Know-how und unser Engagement sind wir auf jeden Fall dazu in der Lage“, sagte Schmal. Aufgrund der derzeitigen Agrar- und Umweltpolitik sei Deutschland leider auf dem besten Weg, diese Zukunftschancen zu verspielen.

Heftige Kritik an Edeka-Plakat  
 
Das Edeka-Plakat „Essen hat einen Preis verdient: den niedrigsten.“ wurde von allen Rednern heftig kritisiert. Schmal sagte, so könne man nicht miteinander umgehen und hob hervor, hohe Qualität müsse auch bei Lebensmitteln ihren Preis haben. Aufgrund der massiven Proteste aus dem landwirtschaftlichen Berufsstand hat Edeka das Plakat zurückgenommen.  
 
Dr. Willi Billau wies darauf hin, dass der Landwirtschaft in Starkenburg täglich zwei Hektar Land verloren gingen. Nach dem vom Regierungspräsidium in Darmstadt in Auftrag gegebenen regionalen Entwicklungskonzept würden für Wohnbauland und Gewerbeflächen in den nächsten zehn Jahren insgesamt 8.500 Hektar beansprucht. Hinzu kämen Ausgleichsflächen für die ICE-Neubaustrecke und den Ausbau der A 67 im Umfang von 2.800 Hektar. „Frau Hinz, wir wollen Lösungen sehen für die Probleme“, rief er der Ministerin zu. Sebastian Dickow, Land schafft Verbindung Deutschland, brachte seine Enttäuschung zum Ausdruck, dass viele Ankündigungen seitens der Politik keine Taten folgten. In Bezug auf die von Bundeskanzlerin Merkel initiierte Zukunftskommission sei gemeinsam mit dem Deutschen Bauernverband ein erstes Konzept mit Zielen, Herausforderungen und Lösungsansätzen für die Weiterentwicklung der Landwirtschaft in Deutschland vor Weihnachten erarbeitet worden. Bislang gebe es dazu noch keine Antwort aus dem Kanzleramt.
 
Professor Dr. Holger Puchta, Leiter des Karlsruher Instituts für Technologie, erläuterte die Vorteile neuer Züchtungstechnologien mit der molekularen Schere CRISPR/Cas. Mit den damit gezüchteten Kulturpflanzensorten könnte der Pflanzenschutzmittelaufwand reduziert werden. Derzeit seien glutenfreie Getreidesorten sowie Hitze- und Salzstress-resistente Pflanzen in der Entwicklung.