29.01.2019

Landwirtschaftliche Woche Südhessen: Landwirtschaft und Naturschutz im Fokus

Das Miteinander von Landwirtschaft und Naturschutz zog sich wie ein roter Faden durch die Vorträge zur Eröffnung der Landwirtschaftlichen Woche Südhessen am 28. Januar in Gernsheim. „Wir nehmen die Herausforderungen in der Tierhaltung und dem Ackerbau an und tun Einiges für den Naturschutz und die Artenvielfalt. Wir arbeiten ständig an Verbesserungen und entwickeln eigene Strategien, um den Erwartungen von Politik und Gesellschaft gerecht zu werden“. Das betonte der Präsident des Hessischen Bauernverbandes und Vizepräsident des Deutschen Bauernverbandes, Karsten Schmal, in seiner Begrüßungsansprache und erwähnte in diesem Zusammenhang auch das außerordentliche Engagement hessischer Landwirte bei der Anlage von Blühstreifen.
 
In Bezug auf die offensichtlich sinkende Artenvielfalt werde die intensive Landwirtschaft immer wieder pauschal an den Pranger gestellt, ohne dass wissenschaftlich abgesicherte Ergebnisse vorlägen. Daraus eine Neuausrichtung der Agrarpolitik abzuleiten, gehe entschieden zu weit. Denn die moderne Landwirtschaft sei in den letzten Jahrzehnten durch den Einsatz neuer Technologie nachweislich umwelt- und naturverträglicher geworden. Die Gemeinsame Agrarpolitik sei für die deutsche und europäische Landwirtschaft existenziell. Die Direktzahlungen müssten auf jeden Fall einkommenswirksam bleiben. Sie seien für die Betriebe lebensnotwendig. „Sollten weitere, von der Gesellschaft gewünschte Leistungen im Verbraucher-, Umwelt- und Naturschutz erbracht werden, müssen dafür zusätzliche Mittel bereitgestellt werden. Ohne finanzielle Anreize wird es nicht funktionieren“, so Schmal.  
 
Vom Klimawandel und Klimaschutz sei die Landwirtschaft unmittelbar betroffen, aber gleichzeitig Teil der Lösung. Mit seiner Klimastrategie 2.0 habe der Deutsche Bauernverband eigene Ziele im Klimaschutz formuliert. So sollen die Treibhausgase aus der Landwirtschaft von 1990 bis 2030 um 30 Prozent gesenkt und der Beitrag durch nachwachsende Rohstoffe und Bioenergie verdoppelt werden. Auch könnten höhere Beimischungsquoten von Biokraftstoffen zu fossilen Kraftstoffen einen wertvollen Beitrag zur CO2-Reduzierung im Verkehrssektor leisten. „Während die politisch Verantwortlichen beim Thema Dürre, nicht zuletzt aufgrund der hohen medialen Aufmerksamkeit, durchaus Verständnis für die Not der Bauern zeigen, vermissen wir in vielen anderen Bereichen praxisorientierte Politikentscheidungen“, sagte Schmal. Aktuelle Beispiele seien die Verweigerungshaltung bei der Einführung einer Risikoausgleichsrücklage, die hausgemachten Probleme bei der Ferkelkastration, die Hängepartie in Bezug auf das „Kastenstandurteil“ in der Sauenhaltung, praxisfremde Regelungen im Rahmen der Düngeverordnung und drohende Verschärfungen durch die TA Luft. All dies habe zur Folge, dass der Strukturwandel angeheizt werde und immer mehr Bauern gezwungen würden, ihre Hoftore zu schließen. Dadurch verlieren wir Marktanteile und sind zunehmend auf Importprodukte angewiesen, die in der Regel unter niedrigeren Standards erzeugt werden. Das ist kontraproduktiv und nicht im Sinne der Verbraucher“, betonte Präsident Schmal.  
 
Mit Blick auf das Dürrejahr 2018 sagte Hessens Landwirtschaftsministerin Priska Hinz: Es deutet vieles darauf hin, dass solche Extreme künftig öfter auftreten werden, daher müssen wir vor allem präventiv deutlich mehr tun. Hierbei kann und muss auch die Landwirtschaft einen Beitrag leisten, um die gesellschaftlichen Herausforderungen zu stemmen“. Der Vorsitzende des Bundes für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND), Prof. Dr. Hubert Weiger, kritisierte gesellschaftliche Fehlentwicklungen, die ausschließlich auf dem Rücken der Landwirte ausgetragen würden und hob hervor: „Wir brauchen die Landwirtschaft, und zwar eine bäuerliche Landwirtschaft. Wir müssen zu Partnern werden.“ Die Erzeugerpreise seien das A und O. Zu Weltmarktpreisen könnten die deutschen Bauern nicht produzieren, Qualität habe ihren Preis.
 
Dr. Willi Kremer-Schillings, bekannt als Bauer Willi, plädierte in seinem Vortrag für einen neuen Gesellschaftsvertrag, der die Ansprüche der Gesellschaft nach mehr Ökologie und Naturschutz und die Ansprüche der Bauern nach ökonomischem Überleben und die Wertschätzung für ihre Arbeit in Einklang bringt. „Oft werden wir von Teilen der Naturschutzorganisationen und der Bevölkerung als Umweltverschmutzer und Tierschänder hingestellt. Besonders unsere Kinder in den Schulen leiden darunter“, sagte Dr. Willi Billau, Vorsitzender des Regionalbauernverbandes Starkenburg und der Landwirtschaftlichen Woche Südhessen. Das entspreche weder den Tatsachen noch sei es gerecht. Daher suche die Landwirtschaft den Dialog.