11.01.2021

Präsident Schmal kritisiert zunehmende Auflagen und Kostendruck
Landwirtschaftliche Woche Nordhessen 2021 digital

„2020 war für die hessischen Bauernfamilien nicht nur wegen Corona und der erneuten Dürre ein sehr schwieriges Jahr. Die wirtschaftliche Situation auf den Höfen ist sehr angespannt. Hinzu kommen Frustration und Resignation, weil immer mehr Auflagen zu einem enormen Kostendruck führen, dem keine adäquaten Erzeugerpreise gegenüberstehen“. Das betonte der Präsident des Hessischen Bauernverbandes, Karsten Schmal, in seiner Begrüßungsansprache zur Eröffnung der diesjährigen Landwirtschaftlichen Woche Nordhessen, die Corona bedingt digital stattfindet.

Schweinehalter seien durch das erstmalige Auftreten der Afrikanischen Schweinepest bei Wildschweinen in Deutschland und durch Corona verursachte Marktverwerfungen am stärksten betroffen. Deren Situation sei existenzgefährdend. Generell litten die Tierhalter unter unzureichenden Rahmenbedingungen. Als Beispiele nannte Schmal die Umsetzung der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung und die jetzt vom Bundeskabinett verabschiedete technische Anleitung zur Reinhaltung der Luft (TA Luft). Europäische Vorschriften würden verschärft. Dadurch sinke die Wettbewerbsfähigkeit und somit sei ein Ausstieg aus der Tierhaltung vorprogrammiert.

Insektenschutzgesetz muss nachgebessert werden

Mit ihrem Entwurf zum Insektenschutzgesetz schieße Bundesumweltministerin Schulze weit über das Ziel hinaus. Zahlreiche Verbote und Auflagen beim Pflanzenschutz stellten das Prinzip der Kooperation zwischen Landwirtschaft und Naturschutz in Frage. Der vorliegende Gesetzentwurf müsse dringend nachgebessert werden. Im Übrigen sei Insektenschutz eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Auch die zum 1. Januar 2021 in Kraft getretene Landesdüngeverordnung sorge für Unmut, obwohl der Umfang der Nitrat belasteten Gebiete hessenweit im Vergleich zur Erstausweisung 2019 nahezu halbiert wurde. „In manchen Regionen gab es eine völlig unerwartete, deutliche Ausweitung der Roten Gebiete, beispielsweise im Landkreis Waldeck-Frankenberg. Diese Erweiterung ist nach unserer Auffassung weder sachgerecht noch nachvollziehbar“, kritisierte Schmal.

Dauerniedrigpreispolitik des LEH beenden

Positiv bewertete der Bauernpräsident die Umsetzung der EU-Richtlinie gegen unfaire Handelspraktiken. Sie verschaffe Landwirten mehr Gewicht in der Lieferkette. Die Dauerniedrigpreispolitik des Lebensmitteleinzelhandels gefährde bäuerliche Existenzen und müsse ein Ende haben. Heimische Produkte, die mit höheren Qualitätsstandards als Auslandsware erzeugt werden, benötigten einen Deutschlandbonus. „Wir brauchen jetzt eine nachhaltige Strategie für eine bessere Zusammenarbeit innerhalb der Wertschöpfungskette, die diesen Namen auch verdient“.

In der künftigen Europäischen Agrarpolitik befürchtet Schmal noch höhere Klima- und Umweltauflagen. Eine einheitliche Umsetzung in allen EU-Mitgliedsstaaten sei wichtig, um Wettbewerbsverzerrungen zu vermeiden.

Den bevorstehenden Start der Branchenkommunikation Milch und den Abschluss des Brexit-Vertrages zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich bezeichnete Schmal als Lichtblicke zum Jahreswechsel. Die deutsche Agrar- und Ernährungswirtschaft werde davon profitieren. 

Die Bewältigung der Corona-Krise, der Klimawandel und die Bekämpfung des Hungers auf der Welt seien große Herausforderungen. Vom Klimawandel sei die Landwirtschaft einerseits betroffen, andererseits aber auch Teil der Lösung.

Das Potential der Biokraftstoffe, der Erneuerbaren Energien und der Nachwachsenden Rohstoffe werde leider nicht ausgeschöpft. Zur Bekämpfung des Hungers auf der Welt sei eine effiziente, leistungsfähige und nachhaltige Landwirtschaft erforderlich. Neben den guten Produktionsbedingungen in Europa sollten auch Zukunftstechnologien, wie moderne Züchtungsmethoden und die Digitalisierung, stärker genutzt werden.

Jugend braucht Zukunftsperspektiven

„Vor allem unsere Jugend braucht Zukunftsperspektiven. Sie ist sehr gut ausgebildet und engagiert. Leider führt die derzeitige Agrarpolitik oft zu Resignation und ist demotivierend“, betonte Schmal. „Agrarpolitische Vorgaben müssen umsetzbar, auf wissenschaftlicher Grundlage basieren und vor allem ökonomisch tragfähig sein. Nicht zuletzt brauchen unsere Betriebe verlässliche Rahmenbedingungen und Planungssicherheit.“

Zum Vortrag von Jochen Borchert, Bundesminister a. D., und Vorsitzender des Kompetenznetzwerks Nutztierhaltung, „Neue Wege in der Tierhaltung – was kommt auf die Bauern zu?“ merkte Schmal an, dass die Vorschläge der Expertenkommission zum Umbau der Tierhaltung in Deutschland sehr ambitioniert seien und den Bauernfamilien viel abverlangten. Eine intensive Prüfung in Bezug auf die Praktikabilität und Finanzierbarkeit sei deshalb unabdingbar. Schließlich benötige die landwirtschaftliche Nutztierhaltung auch die Akzeptanz der Gesellschaft. Die Verbraucherinnen und Verbraucher müssten allerdings auch bereit sein, für mehr Tierwohl mehr zu bezahlen.

Digitaler Zugang zur Veranstaltung

Über den folgenden youtube-Kanal, der am 11.01.2021 ab 9.30 Uhr freigeschaltet wird, gelangen Sie zur Veranstaltung:
https://www.youtube.com/watch?v=Y3uqY6x3gbs&feature=youtu.be
Weitere Infos unter: https://llh.hessen.de/beratung/veranstaltungen/40442/