02.10.2018

Präsident Karsten Schmal zum Erntedankfest 2018
Mehr Wertschätzung für Lebensmittel und deren Erzeuger

 
Liebe Bäuerinnen und Bauern,
 
in diesem Jahr wurde uns mal wieder bewusst, dass Wachstum und Gedeihen nicht in unserer Hand liegen.
Die seit April über Monate anhaltenden hohen Temperaturen und vor allem die Trockenheit haben bei den meisten Kulturpflanzen zu empfindlichen Ertragseinbußen geführt, und zwar unabhängig von der Wirtschaftsweise. Aufgrund der umfassenden Berichterstattung in den Medien waren die Dürre und ihre Folgen in aller Munde. Eine mögliche Verknappung von Lebensmitteln gelangte plötzlich wieder in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. Es bleibt zu hoffen, dass damit auch eine höhere Wertschätzung für Lebensmittel und deren Erzeuger einhergeht.
Mit einer Gesamterntemenge von rund 1,8 Millionen Tonnen Getreide haben wir 2018 in Hessen 258.000 Tonnen oder 12,6 Prozent weniger Getreide geerntet als im Durchschnitt der letzten fünf Jahre. Der Winterraps bekam die Witterungsextreme – Nässe bei der Aussaat, Kälte im März, Hitze während der Blüte im April/Mai und die damit verbundene Trockenheit bis zur Ernte – voll zu spüren. Deshalb war es nicht verwunderlich, dass die Hektarerträge mit 29,2 Dezitonnen knapp 9 Dezitonnen und damit um fast ein Viertel unter dem Durchschnitt der vergangenen Jahre von rund 38 Dezitonnen lagen. Winterraps konnte in diesem Jahr vielerorts nicht ausgesät werden, weil die Böden staubtrocken waren und keine Aussicht auf Regen bestand. Das hat es in diesem Ausmaß bislang noch nicht gegeben.
In Kartoffeln und Zuckerrüben haben die fehlenden Niederschläge ebenfalls deutliche Mindererträge zur Folge. Aufgrund der ausgetrockneten Böden war und ist die Ernte erschwert. Auch die modernste Technik stößt dabei an ihre Grenzen. Kirschen und Äpfel erfreuten die Erzeuger in diesem Jahr alles in allem mit guten Erträgen, im Gegensatz zum katastrophalen Vorjahr, als starke Frostschäden zu beklagen waren. Bei Spargel und Erdbeeren führte die überdurchschnittliche Hitze zu einer verkürzten Ernteperiode. Insgesamt war die Saison schwierig.
Die Futterbaubetriebe waren in besonderem Maße von der Dürre betroffen. Nach dem ersten Silageschnitt ist der zweite Schnitt vielerorts sehr spärlich ausgefallen, an weitere Schnitte war gar nicht zu denken. Erschwerend hinzu kam, dass überall dort, wo das Wasser fehlte, der Silomais nicht richtig gedeihen konnte, die Kolbenausbildung ließ zu wünschen übrig. Um drohender Futterknappheit entgegenzuwirken, haben einige Kreis- und Regionalbauernverbände und der Hessische Bauernverband Futterbörsen eingerichtet. Das zeigt, dass der Berufsstand in Notzeiten zusammensteht und Landwirte versuchen, sich gegenseitig zu helfen.
Die in diesem Zusammenhang vom Bund und den Ländern bereitgestellten Dürrehilfen von insgesamt 340 Millionen Euro, die nur einen kleinen Teil der Gesamtverluste von deutlich mehr als einer Milliarde Euro abdecken, sind wichtig und richtig für die betroffenen Betriebe. Nur diejenigen, die in ihrer Existenz gefährdet sind und strenge Kriterien erfüllen, werden tatsächlich unterstützt. Sehr unbefriedigend ist, dass die Details und das Antragsverfahren für die Nothilfen immer noch nicht geklärt sind. Wie so oft hierzulande ist alles sehr kompliziert und aufwändig. Die schnelle und unbürokratische Hilfe, wie vom Berufsstand gefordert, bleibt Wunschdenken. Übrigens halten 64 Prozent der Deutschen staatliche Hilfen für die Bauern grundsätzlich für berechtigt. Das geht aus einer aktuellen Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung hervor.
In Hessen waren die dürrebedingten Ernteausfälle im Durchschnitt längst nicht so gravierend wie in den nord- und ostdeutschen Bundesländern. Dennoch gab es in einzelnen Regionen, Gemarkungen und Betrieben auch bei uns existenzbedrohende Ernteverluste. Dort, wo über Monate hinweg der Regen fast gänzlich ausblieb, konnte auch der beste Boden keinen Ausgleich schaffen.
Während die politisch Verantwortlichen beim Thema Dürre, nicht zuletzt aufgrund der hohen medialen Aufmerksamkeit, durchaus Verständnis für die Not der Bauern zeigten, vermissen wir in vielen anderen Bereichen andere praxisorientierte Politikentscheidungen. Aktuelle Beispiele sind die Verweigerungshaltung bei der Einführung einer Risikoausgleichsrücklage, bei der Verschiebung der Frist für die betäubungslose Ferkelkastration, die Hängepartie in Bezug auf das „Kastenstandurteil“ in der Sauenhaltung, praxisfremde Regelungen im Rahmen der Düngeverordnung und drohende Verschärfungen durch die TA Luft. Alles zusammengenommen hat zur Folge, dass der Strukturwandel angeheizt wird und immer mehr Bauern ihre Hoftore schließen, wir Marktanteile verlieren und die von vielen Verbrauchern gewünschte regionale Lebensmittelversorgung schwieriger wird.
Dabei sind wir, liebe Berufskollegen, mit der Initiative Tierwohl, der Ackerbaustrategie, unserem Engagement bei der Anlage von Blühstreifen und ständigen Verbesserungen in der Produktionstechnik auf einem guten Weg.
Für unsere Zukunftsfähigkeit wird es darauf ankommen, die Gesellschaft dabei mitzunehmen. Vielleicht können die zahlreichen Erntedankfeste am kommenden Sonntag und an den Wochenenden danach einen Beitrag dazu leisten.
In diesem Sinne wünsche ich uns allen einen fruchtbaren Austausch mit den Verbrauchern und dass wir Bauern mit unseren Familien die gebührende Wertschätzung erfahren.
 
Ihr Karsten Schmal,
Präsident des Hessischen Bauernverbandes
 

 
Foto: Jürgen Treiber, pixelio.de