02.10.2019

Präsident Karsten Schmal zum Erntedankfest 2019
Ernten sichern und Artenvielfalt verbessern

Foto: Klaus Schmidt, pixelio.de
Liebe Bäuerinnen und Bauern,
 
am kommenden Sonntag feiern wir Erntedank – ein Fest, das im landwirtschaftlichen Berufsstand einen großen Stellenwert hat. Wir wissen genau, dass die Erträge unserer Früchte, trotz des Einsatzes modernster Technik, in hohem Maße von der Witterung und dem Klima abhängig sind. So hat die Dürre 2018 auch in diesem Jahr Spuren hinterlassen, ganz besonders in den Wäldern und beim Winterraps. Unsere wichtigste Ölpflanze enttäuschte die Erzeuger zum wiederholten Male. Zwar wurde der Vorjahresertrag leicht übertroffen, der Schnitt der letzten sechs Jahre aber um zwölf Prozent verfehlt. Wegen den ungünstigen Aussaatbedingungen hat sich die Winterrapsanbaufläche zur diesjährigen Ernte auf rund 27.000 Hektar in Hessen halbiert. Einen solchen Einbruch hat es bislang noch nicht gegeben. Der Anbaurückgang von Raps hat eine ganze Reihe negativer Begleiterscheinungen: Es gab deutlich weniger leuchtend gelb blühende Rapsfelder in diesem Frühjahr und somit weniger Bienennahrung für leckeren Rapshonig. Darüber hinaus fehlt heimisches, gentechnikfreies Rapsschrot, mit dem Sojaschrotimporte in einem Umfang von etwa 800.000 Hektar ersetzt werden können.  
 
Die Futterlücke aus dem Vorjahr konnte in vielen Betrieben wegen der langanhaltenden Trockenheit nach dem ersten Schnitt nicht überall vollständig geschlossen werden. Auch die Silomaiserträge ließen in einigen Regionen zu wünschen übrig. Deshalb sind wir der Landesregierung dankbar dafür, dass sie den Aufwuchs von Ökologischen Vorrangflächen zur Futternutzung freigegeben hat. Der Bundesrat hat jetzt auch grünes Licht für die Nutzung von Zwischenfrüchten auf ÖVF-Flächen gegeben. Mit einer Gesamtmenge von 2,2 Mio. Tonnen ist die hessische Getreideernte besser ausgefallen als zunächst erwartet. Damit wurde der Durchschnitt der letzten Jahre leicht und das von der Dürre geprägte schlechte Vorjahresergebnis deutlich übertroffen. Dafür waren in erster Linie die Ausweitung der Getreideflächen und etwas höhere Hektarerträge ausschlaggebend. Je nach Standort und Niederschlagsverteilung differierten die Erträge allerdings stark. Während die Kartoffelernte in diesem Jahr wesentlich besser ausfällt als 2018, zeichnen sich bei Zuckerrüben unterdurchschnittliche Erträge mit starken regionalen Unterschieden ab.  
 
Agrarpaket sorgt für großen Unmut
 
Das vom Bundeskabinett Anfang September beschlossene Agrarpaket mit dem Aktionsprogramm Insektenschutz und das Klimaschutzpaket 2030 der Bundesregierung haben in den letzten Wochen die Schlagzeilen, vor allem in den Agrarmedien, bestimmt. Den größten Unmut ruft das Aktionsprogramm Insektenschutz hervor. Geplant sind zahlreiche Verbote beim Einsatz von Pflanzenschutzmitteln in Schutzgebieten und an Uferstreifen von Gewässern. Die vorgesehenen Reglementierungen gehen weit über das Fachrecht hinaus und sind deshalb nicht hinnehmbar. Außerdem ist fraglich, ob das gewünschte Ziel damit überhaupt erreicht wird. Es ist sehr enttäuschend, dass das zunehmende Engagement der Landwirte zur Verbesserung der Lebensbedingungen für Insekten und der Artenvielfalt, beispielsweise durch das Anlegen von Blühstreifen von mehreren tausend Kilometern Länge in ganz Deutschland nicht anerkannt wird.  
 
Wir Bauern leben von und mit der Natur und haben ein ureigenes Interesse an einer vielfältigen Flora und Fauna. Deshalb können Natur- und Artenschutz nur mit uns funktionieren und nicht gegen uns. Leider wurde das Aktionsprogramm Insektenschutz über unsere Köpfe hinweg verfasst. Ein kooperativer Natur- und Umweltschutz, auf den der Berufsstand setzt, sieht anders aus. Die Ursachenforschung kommt bei diesem Aktionsprogramm viel zu kurz. Sie sollte am Anfang stehen, um daran anzuknüpfen und gezielte Maßnahmen zu ergreifen. Jedenfalls darf das Schutzprogramm in der vorliegenden Form nicht umgesetzt werden. Grundlegende Änderungen sind unerlässlich. Denn beim Insektenschutz handelt es sich um eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Alle müssen dazu ihren Beitrag leisten, nicht nur die Landwirtschaft.   Das von Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner geplante staatliche Tierwohllabel, das eine Kennzeichnung von Fleischprodukten in drei Stufen vorsieht, hat im Bundesrat keine Zustimmung gefunden. Eine Weiterentwicklung der Initiative Tierwohl, die sich in Kooperation mit dem Lebensmitteleinzelhandel seit einigen Jahren bewährt hat, wäre viel sinnvoller gewesen. Im Übrigen kommen die Überlegungen aus dem Bundeslandwirtschaftsministerium, die auf Freiwilligkeit setzen, viel zu spät, zumal der Handel bereits ein eigenes Kennzeichnungssystem mit vier verschiedenen Haltungsformen entwickelt hat.  
 
Klimaschutz erfordert bessere Rahmenbedingungen  
 
Das alles beherrschende Thema der letzten Monate ist der Klimawandel. Im Bauernverband beschäftigen wir uns mit diesem Thema lange bevor Greta Thunberg die Fridays for Future-Bewegung initiiert hat. In seiner Klimastrategie 2.0 hat sich der Deutsche Bauernverband das Ziel gesetzt, Treibhausgase um 30 Prozent bis 2030 gegenüber 1990 zu verringern. Das soll mit zwanzig verschiedenen Klimaschutzmaßnahmen erreicht werden. Über den Ausbau der Bioenergie, den Anbau von nachwachsenden Rohstoffen und die Kohlendioxidbindung im Bodenhumus wollen wir noch mehr zum Klimaschutz beitragen. Die diesbezüglichen Anstrengungen von Land- und Forstwirten müssen aber auch durch entsprechende Rahmenbedingungen unterstützt werden. Da gibt es noch Nachholbedarf im Klimaschutzprogramm der Bundesregierung.
 
Das Agrarpaket der Bundesregierung mit dem Insektenschutzprogramm und die anstehende, erneute Verschärfung der Düngeverordnung sind für uns Landwirte frustrierend. In ganz Deutschland, so auch in Hessen, stellen Landwirte auf ihren Feldern grüne Kreuze auf, um zu verdeutlichen, dass die derzeitige Landwirtschaftspolitik untragbar ist und das Höfesterben beschleunigt. Immer mehr Verbote, kostentreibende Auflagen und die überbordende Bürokratie sind unerträglich. Erschwerend kommt hinzu, dass wir Bauern an allem schuld sein sollen. Generell benötigen wir eine Politik mit Augenmaß, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basierende Entscheidungen trifft, die für unsere Betriebe praktikabel und wirtschaftlich tragfähig sind. Wir sind zu Veränderungen bereit. Eine wichtige Voraussetzung dafür sind allerdings verlässliche Rahmenbedingungen, die wir schon seit längerem vermissen.  
 
Dank unserer leistungsfähigen und effizienten Landwirtschaft brauchen sich unsere Verbraucher hierzulande keine Gedanken über eine ausreichende Lebensmittelversorgung zu machen. Weltweit leiden aber nach wie vor rund 800 Millionen Menschen Hunger. Wir verfügen über vergleichsweise gute Böden, die in Anbetracht der wachsenden Weltbevölkerung intensiv landwirtschaftlich genutzt werden sollten, natürlich umweltgerecht und ressourcenschonend. Das ist kein Widerspruch. Die Digitalisierung verspricht weitere Verbesserungen, auch in der Tierhaltung.   Ich wünsche uns allen, dass unsere Leistungen zur Verbesserung der Artenvielfalt, in der nachhaltigen Erzeugung hochwertiger Lebensmittel und Bioenergie entsprechend honoriert werden und die gesellschaftliche Anerkennung finden – nicht nur an Erntedank.
 
Ihr
Karsten Schmal
Präsident des Hessischen Bauernverbandes e.V.