28.09.2021

Ernährung sichern und die Schöpfung bewahren
HBV-Präsident Karsten Schmal zum Erntedankfest 2021

 

Liebe Bäuerinnen und Bauern,

am kommenden Sonntag feiern wir Erntedank, ein Fest, das in unseren Familien seit Generationen einen hohen Stellenwert hat. Uns allen ist bewusst, dass Wachstum und Gedeihen trotz modernster Technik nicht allein in unserer Hand liegen.

Getreideernte war eine Geduldsprobe

Nach drei trockenen Jahren in Folge war das Wasser diesmal nicht der begrenzende Faktor für die Ertragsbildung, sondern die Wetterkapriolen: ein sehr kalter April, eine Hitzeperiode im Juni, Gewitter und Starkregen sowie fehlender Sonnenschein. Die diesjährige Getreideernte war für uns Bauern wegen der wiederholten Regenfälle eine Hängepartie und Geduldsprobe.

Nach vorläufigen Ergebnissen wurden laut Hessischem Statistischen Landesamt in diesem Jahr in Hessen 1,82 Mio. Tonnen Getreide geerntet. Das sind 3,3 Prozent weniger als im Vorjahr und 8,4 Prozent weniger als im Durchschnitt der Jahre 2015 bis 2020. Gründe sind gesunkene Hektarerträge und eine verringerte Getreideanbaufläche.

Mit knapp 36 Dezitonnen war der Hektarertrag von Winterraps enttäuschend, er hat acht Prozent weniger gebracht als 2021. Gute Grünlanderträge, sowohl bei Silage und Heu, sorgten dafür, dass die knappen Futterreserven der letzten Jahre wieder aufgefüllt werden konnten. Auch der Silomais verspricht an den meisten Standorten gute Erträge. Bei Zuckerrüben und Kartoffeln sind alles in allem gute Ergebnisse zu erwarten. Die Witterungsextreme machten Spargel und Erdbeeren zu schaffen. Die Sonderkulturbetriebe mussten Corona-bedingt hohe Auflagen bei der Beschäftigung von Saisonarbeitskräften erfüllen, was die Kosten in die Höhe trieb.

Erfreulicherweise sind die Erzeugerpreise bei Getreide und vor allem beim Raps gegenüber dem Vorjahr deutlich gestiegen. Unsere Tierhalter haben deswegen allerdings mit hohen Futterkosten zu kämpfen. Schweinemäster und Sauenhalter sind ganz besonders davon betroffen, weil die Schere zwischen steigenden Futterkosten und sinkenden Schweinepreisen immer mehr auseinanderklafft. Das derzeitige Preisniveau von 1,25 Euro je Kilogramm ist für unsere Schweinehalter ruinös und existenzgefährdend.

Große Sorge um die heimische Tierhaltung

Schlachtunternehmen, Verarbeiter, Großverbraucher und nicht zuletzt der Lebensmittel­einzelhandel sind gemeinsam gefordert, die heimische Erzeugung durch eine entsprechende Einkaufs- und Preispolitik zu stärken. Hier könnte die kürzlich gegründete zentrale Koordination Handel-Landwirtschaft (ZKHL) ansetzen. Die vom Deutschen Bauernverband, dem Deutschen Raiffeisenverband und dem Handelsverband Deutschland initiierte gemeinsame Plattform will unter anderem eine Dialogplattform für konfliktträchtige Themen installieren, Handlungsoptionen bei der Standardsetzung in der Lebensmittelkette festlegen, einen Kodex für die Zusammenarbeit erarbeiten und eine neutrale Schlichtungsstelle schaffen. Das ist ein Anfang zu einer dringend notwendigen besseren Verständigung der Akteure in der Wertschöpfungskette für Lebensmittel.

Um die Tierhaltung in Hessen mache ich mir große Sorgen. Die Zahl der Betriebe mit Viehhaltung ist im Vergleich der Jahre 2010 zu 2020 um 24 Prozent gesunken. Während die Zahl der Rinder in diesem Zeitraum um gut 12 Prozent zurückgegangen ist, reduzierte sich die Anzahl der Schweine um 25 Prozent.

Bauernfamilien müssen über die Nutztierhaltung ein ausreichendes Einkommen erwirtschaften können. Das ist wegen zunehmender Anforderungen und gesetzlicher Reglementierungen immer schwieriger geworden. In diesem Zusammenhang hat das Kompetenznetzwerk Nutztierhaltung, die sogenannte Borchert-Kommission, gute Empfehlungen erarbeitet, die von der neuen Bundesregierung schnell aufgegriffen und als Gesamtpaket umgesetzt werden müssen. Entscheidend ist ein langfristiges Finanzierungskonzept, eine verpflichtende Kennzeichnungsregelung und die Beseitigung der bau- und genehmigungsrechtlichen Hemmnisse für den Um- und Neubau von Stallanlagen.

Der von der Zukunftskommission Landwirtschaft erarbeitete Abschlussbericht ist eine gute Grundlage und Richtschnur für anstehende Koalitionsvereinbarungen. Darin heißt es unter anderem, dass nur eine ausreichende Wertschöpfung am Markt die Zukunftsfähigkeit landwirtschaftlicher Betriebe sichert und dass die Landwirtschaft die enormen Kosten der Erneuerung nicht allein stemmen kann.

Die am 6. September in Wiesbaden unterzeichnete Kooperationsvereinbarung „Landwirtschaft und Naturschutz in Hessen 2021“ ist wegweisend. Intensive Gespräche und Verhandlungen des „Runden Tisches Insekten- und Gewässerschutz“ gingen voraus. Mehrtägige Mahnwachen und Protestaktionen vieler Bäuerinnen und Bauern im Februar in Wiesbaden haben Ministerpräsident Volker Bouffier veranlasst, diesen Runden Tisch einzurichten.  Sie standen unter der Überschrift „Insekten- und Gewässerschutz mit der Landwirtschaft – Kooperation statt Verbote“. Diesem Ziel sind wir mit der Unterzeichnung der Kooperationsvereinbarung einen großen Schritt näher gekommen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen, auch wenn der Landwirtschaft viel abverlangt wird. Im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben wurden kooperative und möglichst auf Freiwilligkeit beruhende Vereinbarungen getroffen. Ganz entscheidend war, dass die Umwelt- und Naturschutzleistungen der Bauern adäquat honoriert werden.

Durch die verheerende Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz und in Nordrhein-Westfalen sind Forderungen nach Klimaschutzmaßnahmen in unserem Land noch lauter geworden. Die Landwirtschaft ist Opfer des Klimawandels, gleichzeitig aber auch Verursacher und Teil der Lösung. Acker- und Grünlandflächen sind einerseits in der Lage, Wasser aufzunehmen und zu speichern, andererseits binden sie Kohlenstoff und reduzieren somit den Ausstoß von Treibhausgasen. Deshalb muss die Versiegelung landwirtschaftlicher Flächen – das ist unsere Lebensgrundlage – minimiert werden.

Erzeugung hochwertiger Lebensmittel Hauptaufgabe

Wir stellen uns den gesellschaftlichen Anforderungen und sind zu Veränderungen bereit. Nach wie vor sehen wir unsere Hauptaufgabe darin, regionale und internationale Märkte mit qualitativ hochwertigen Lebensmitteln zu versorgen.

Nicht nur am Erntedankfest bietet sich die Gelegenheit, selbstbewusst darauf hinzuweisen, dass wir Bäuerinnen und Bauern sehr verantwortungsvoll und behutsam mit den uns anvertrauten Naturgütern, dem Boden, dem Wasser, der Luft und unseren Tieren umgehen. Mit einer von bäuerlichen Familienbetrieben getragenen produktiven und wettbewerbsfähigen Landwirtschaft können wir die Ernährung unserer Bevölkerung nachhaltig sichern und zugleich die Schöpfung bewahren


 
Ihr Karsten Schmal
Präsident des Hessischen Bauernverbandes
 
 
Foto: Klaus Schmidt pixelio.de