01.10.2020

Mehr Wertschätzung für Bauernfamilien - Präsident Schmal zum Erntedankfest 2020

Liebe Bäuerinnen und Bauern,

das dritte Trockenjahr in Folge hat bei den meisten Feldfrüchten in Hessen erneut zu unterdurchschnittlichen Erträgen geführt. Bei Getreide wurde der Durchschnitt der letzten sechs Jahre um fünf Prozent unterschritten. Im Vergleich zum Vorjahr gab es sogar ein Minus von rund 10 Prozent. Die Gesamterntemenge von 1,94 Mio. Tonnen ist einerseits wegen gesunkener Hektarerträge zurückgegangen, andererseits weil die Getreideanbaufläche gegenüber dem Vorjahr verringert wurde. Die stärksten Ertragseinbußen gab es bei der Wintergerste. Neben der Trockenheit waren Spätfröste im Mai, die die Blüte geschädigt haben, dafür verantwortlich. Beim Winterweizen lagen die Hektarerträge sogar leicht über dem Vorjahr. Der Winterraps hat das Vorjahresergebnis überraschenderweise um mehr als 20 Prozent übertroffen. Über Wochen hinweg ausbleibende Niederschläge führten erneut zu spärlichem Grünlandaufwuchs und Futterknappheit. Unsere Milchviehbetriebe und Rinderhalter sind im besonderen Maße davon betroffen, zumal die Silomaiserträge vielerorts unbefriedigend waren. Bei den Zuckerrüben, die wegen der Trockenheit sehr ungleichmäßig aufgelaufen sind, wird mit einer unterdurchschnittlichen Ernte gerechnet.

Bauernfamilien haben verlässlich weitergearbeitet
 
Die Spargel- und Erdbeersaison war in diesem Jahr nicht nur witterungsbedingt schwierig. Wegen der Corona-Pandemie gab es Engpässe in der Verfügbarkeit osteuropäischer Saisonarbeitskräfte. Das Anfang April verhängte Einreiseverbot wurde aufgrund der massiven Intervention der Verbände schon in der zweiten Aprilwoche wieder aufgehoben. Die sehr schnelle Einrichtung des Internetportals „Saisonarbeit 2020“ durch den Deutschen Bauernverband hat zumindest eine Einreise per Flugzeug ermöglicht und viel geholfen. Auch konnten zahlreiche Corona-bedingte Sonderregelungen durchgesetzt werden. Gleich zu Beginn der Corona-Krise wurde die Landwirtschaft, wie vom Bauernverband gefordert, als systemrelevant anerkannt. Auch als die Corona-Infektionen im Frühjahr in Deutschland auf ihrem Höhepunkt waren, haben unsere Bauernfamilien weitergearbeitet und die Bevölkerung verlässlich mit hochwertigen Lebensmitteln aus heimischer Erzeugung versorgt. In diesem Zusammenhang erfuhren unsere Bäuerinnen und Bauern eine hohe Wertschätzung, die wir zuletzt sehr vermisst haben. Im Zuge von Corona wurde deutlich, wie wichtig eine sichere Versorgung der Menschen mit heimischen Lebensmitteln ist. Das funktioniert nur mit einer wettbewerbs- und leistungsfähigen Landwirtschaft. Bei den jetzt anstehenden Beratungen zur Gemeinsamen Europäischen Agrarpolitik müssen die Einkommen der Bauernfamilien über einen stabilen mehrjährigen Finanzrahmen abgesichert werden. Beim Green Deal, der Farm-to-Fork-Strategie und der Biodiversitätsstrategie müssen Versorgungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit im Vordergrund stehen. Die angedachte pauschale Reduzierung von Pflanzenschutz- und Düngemitteln ist fachlich nicht zu begründen und kontraproduktiv. Laut Ernährungsreport 2020 des Bundeslandwirtschaftsministeriums legen 83 Prozent der Befragten Wert darauf, dass Lebensmittel aus der Region kommen. Das ist ein eindeutiges Bekenntnis der Verbraucher zur heimischen Landwirtschaft. Damit die Versorgung mit Lebensmitteln aus der Region zumindest zum Teil sichergestellt werden kann, muss die Landwirtschaft gestärkt werden. Dazu brauchen wir vor allen Dingen verlässliche Rahmenbedingungen und Planungssicherheit. Das gilt in besonderem Maße für Sauenhalter, denen der Gesetzgeber unter anderem durch die novellierte Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung einiges zumutet und hohe Kosten für Umbaumaßnahmen aufbürdet. Die Vergabekriterien für die vom Bund bereitgestellten Fördermittel sind bis Ende 2021, dann muss die Maßnahme abgeschlossen sein, kaum zu erfüllen. Deshalb ist leider zu befürchten, dass viele aus der Produktion aussteigen werden.
 
Ausbruch der ASP bereitet größte Sorgen
 
Was unseren Schweinehaltern derzeit größte Sorgen bereitet, ist das erstmalige Auftreten der Afrikanischen Schweinepest (ASP) in Deutschland. Nachdem China, Japan und andere Drittländer Importstopps verhängt haben, sind die Schweinepreise von einem auf den anderen Tag um 20 Cent je Kilogramm Schlachtgewicht auf 1,27 Euro je Kilogramm gesenkt worden. Diese gravierende Preissenkung ist unverhältnismäßig. Sie hat verheerende wirtschaftliche Folgen für die Betriebe. Erschreckend war das bisherige unzureichende Krisenmanagement vor Ort, um eine weitere Ausbreitung der ASP über das Kerngebiet in Brandenburg hinaus einzudämmen. Nur durch starken Druck des Berufsstands werden jetzt endlich sichere Zäune errichtet. Unabhängig davon muss über Verhandlungen alles darangesetzt werden, damit Schweinefleisch aus ASP-freien Gebieten, wie innerhalb der EU, auch in Drittstaaten exportiert werden kann. Was uns in den letzten Monaten sehr beschäftigt und viele Bauern auf die Straße getrieben hat, ist das Insektenschutzgesetz und die Umsetzung der Düngeverordnung. Die Vorschläge des Bundesumweltministeriums für ein Insektenschutzgesetz sind unausgewogen und nicht akzeptabel. Bei der Düngeverordnung, die im Mai dieses Jahres in Kraft getreten ist, sind die Würfel weitgehend gefallen. Die Hoffnungen ruhen jetzt auf einer sachgerechten Ausweisung der sogenannten Roten Gebiete. Nach der kürzlich im Bundesrat verabschiedeten allgemeinen Verwaltungsvorschrift ist das Land Hessen nun verpflichtet, bis Ende des Jahres eine auf qualifizierten Messstellen beruhende und dem Verursacherprinzip folgende Binnendifferenzierung vorzunehmen.
 
Weltweit vor enormen Herausforderungen
 
Wir stehen weltweit vor enormen Herausforderungen im Klima- und Artenschutz, beim Umweltschutz und nicht zuletzt in Bezug auf die nachhaltige Versorgung der wachsenden Weltbevölkerung mit Lebensmitteln und Energie. Vielfach handelt es sich um gesamtgesellschaftliche Aufgaben, zu deren Lösung jeder Einzelne einen Beitrag leisten kann. Wir Landwirte sehen unsere vorrangige Aufgabe nach wie vor darin, regionale und internationale Märkte mit qualitativ hochwertigen Lebensmitteln zu bedienen. Dabei stellen wir uns den zunehmenden Anforderungen aus Politik und Gesellschaft. Diese müssen allerdings praktikabel und nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch tragfähig sein. Faire und angemessene Erzeugerpreise sind darüber hinaus unabdingbar. Neben den Verbrauchern muss hierbei der Lebensmitteleinzelhandel seiner besonderen Verantwortung gerecht werden. Das Erntedankfest bietet eine gute Gelegenheit, um auch auf diese Zusammenhänge hinzuweisen.
 
Ihr
 
Karsten Schmal
Präsident des Hessischen Bauernverbandes e.V.
 
 
 
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