Wie wirkt sich die Trockenheit auf Hessens Landwirtschaft aus?
Die anhaltende Trockenheit bestimmt zunehmend die Situation auf Hessens Feldern und Wiesen. Aus nahezu allen Kreis- und Regionalbauernverbänden werden erhebliche Niederschlagsdefizite, ausbleibender Aufwuchs und deutliche Ertragseinbußen gemeldet. Besonders betroffen sind derzeit Grünland- und Maisbestände, aber auch bei weiteren Kulturen werden die Folgen der trockenen Witterung sichtbar.
Vor allem das Grünland steht vielerorts stark unter Druck. Während der erste Schnitt in vielen Regionen noch durchschnittliche bis zufriedenstellende Erträge brachte, fiel der zweite Schnitt häufig bereits deutlich schwächer aus. Ein dritter Schnitt konnte vielerorts gar nicht mehr geerntet werden oder brachte nur noch geringe Mengen. In zahlreichen Regionen wurde über Wochen hinweg kaum noch Nachwuchs beobachtet. Besonders Weidetierhalter geraten dadurch unter Druck, weil Weiden kaum noch Futter liefern und Tiere bereits jetzt zugefüttert werden müssen. Ohne nennenswerte Niederschläge rechnen viele Betriebe nicht mehr mit einem weiteren nutzbaren Aufwuchs in diesem Sommer.
Zitat HBV-Präsident Karsten Schmal
„Die Trockenheit hinterlässt deutliche Spuren. Grünland, Mais, Zuckerrüben und weitere Kulturen leiden unter den fehlenden Niederschlägen. Für viele Betriebe entscheidet sich in den kommenden Wochen, wie stark die Ertragseinbußen am Ende tatsächlich ausfallen werden. Gleichzeitig treffen die oftmals unterdurchschnittlichen Erträge auf weiterhin hohe Produktionskosten und eine angespannte Erlössituation. Viele landwirtschaftliche Betriebe stehen daher wirtschaftlich unter erheblichem Druck.
Unsere Bauernfamilien übernehmen Verantwortung und passen ihre Betriebe an. Weite Fruchtfolgen, Humusaufbau, Sortenwahl. Jetzt muss die Politik ihren Teil leisten: mit Forschung und Rahmenbedingungen für moderne, neue Züchtungsmethoden, einer geförderten Mehrgefahrenversicherung und einer steuerfreien Risikoausgleichsrücklage.
Um die Folgen der Trockenheit abzufedern, brauchen die Betriebe jetzt politische Unterstützung. Dazu gehören finanzielle Entlastungen, eine Erhöhung der EU-Düngemittelbeihilfe von 60 auf 180 Millionen Euro, die vorgezogene Auszahlung von 80 Prozent der EU-Direktzahlungen bereits im Oktober sowie eine spürbare Senkung der Dieselbesteuerung mindestens bis Ende November.“
Wie ist die Situation beim Mais?
Auch die Maisbestände leiden unter Trockenstress. Die Lage ist regional sehr unterschiedlich: Auf guten Böden stehen teilweise noch ordentliche Bestände, auf leichteren Standorten sind deutliche Trockenschäden und eine geringe Wuchshöhe sichtbar. Vielerorts befinden sich die Pflanzen bereits in einer vorzeitigen Abreife. Hinzu kommt eine oftmals unzureichende Kolbenausbildung. In mehreren Regionen haben sich nur kleine oder teilweise gar keine Kolben entwickelt, was auch die Qualität der Silage erheblich beeinträchtigen kann. Teilweise rechnen Betriebe mit geschätzten Ertragsverlusten von einem Drittel bis zur Hälfte der üblichen Erntemenge. Erste Silomaisflächen werden bereits gehäckselt, vielerorts wird die Ernte deutlich früher beginnen als üblich.
Mit welchen Folgen muss bei Zuckerrüben und Kartoffeln gerechnet werden?
Bei Zuckerrüben und Kartoffeln zeigt sich ebenfalls ein angespanntes Bild. Die Zuckerrübenbestände sind sehr unterschiedlich entwickelt. Auf Standorten mit ausreichenden Niederschlägen zeigen sie sich noch vergleichsweise robust, auf trockenen Böden sind bereits deutliche Wachstumsrückstände sichtbar. Wie stark sich die Trockenheit am Ende auf die Rübenerträge auswirkt, hängt wesentlich von den Niederschlägen der kommenden Wochen ab. Erste Proberodungen zeigen jedoch sehr geringe Erträge. Mancherorts könnte die Rübenernte aufgrund der geringen Größe der Rübenkörper auch technisch schwierig werden. Kartoffelbestände leiden insbesondere auf leichteren Standorten zunehmend unter dem Wassermangel. Ohne Bewässerung sind Ertragseinbußen sicher, die weitere Entwicklung bleibt aber stark vom Wetterverlauf abhängig.
Auch Dauerkulturen wie Obstbäume spüren die Folgen der anhaltenden Trockenheit in Verbindung mit hohen Temperaturen. Die Bäume bilden kleinere Fruchtkörper aus oder werfen Früchte vorzeitig ab.
Wie ist die Getreideernte ausgefallen?
Die Getreideernte ist mittlerweile weitgehend beendet und wurde in großen Teilen Hessens so früh abgeschlossen wie selten. Die Wintergerste wurde als erstes gedroschen und lag zeitlich noch ungefähr im durchschnittlichen Bereich. Da die Ertragsbildung bei Beginn der Trockenheit weitgehend abgeschlossen war und die Bestände von den Niederschlägen im Frühjahr profitierten, sind die Erträge bei Wintergerste durchschnittlich bis regional sogar überdurchschnittlich. Die finalen Zahlen zur Getreideernte werden erst gegen Ende August erwartet.
Der Weizen wurde in großen Teilen Hessens tendenziell überdurchschnittlich früh geerntet. Durch die anhaltende Hitze und Trockenheit konnten die Drescher vielerorts nahezu ohne witterungsbedingte Unterbrechungen laufen. Gleichzeitig wurde der Weizen vielerorts notreif, was zu kleineren und ungleichmäßigen Körnern führte. Teilweise wurden Backqualitäten nicht erreicht. Insgesamt fiel die Weizenernte unterdurchschnittlich bis durchschnittlich aus. Je nach Region und Sorte schwanken die Erträge deutlich zwischen geschätzt etwa 65 und 90 Dezitonnen pro Hektar. Frühreife Sorten schnitten in der Tendenz besser ab.
Die Rapsernte folgte meist erst nach abgeschlossener Weizenernte, da der Raps häufig unerwartet lange grün blieb. Die Erträge waren auch hier eher unterdurchschnittlich. Die Erträge unterscheiden sich je nach Anbauregion deutlich, insgesamt war Raps in Teilen ebenfalls stark von der Trockenheit betroffen. Die Ölgehalte werden im Durchschnitt auf rund 44 Prozent geschätzt und zeigen sich damit vergleichsweise ordentlich.
Auch bei weiteren Kulturen wie Roggen, Dinkel, Hafer, Sommergerste und Körnerleguminosen kam es durch Hitze und Trockenheit zu Ertragseinbußen und Qualitätsmängeln. Insgesamt zeigt sich die Ernte 2026 stark regional geprägt. Wo einzelne Regenschauer gefallen sind, konnten die Kulturen teilweise profitieren. Gleichzeitig gab es in der Erntezeit auch regionale Unwetterereignisse wie Hagel, etwa in Calden und Limburg. Ein positiver Effekt der Trockenheit war, dass Stroh vielerorts trocken und in guter Qualität geborgen werden konnte. Auch das Erntegut war trocken und damit gut lagerfähig.
Hinweis zur Einordnung
Die genannten Ertragszahlen sind geschätzte Durchschnittswerte für Hessen. Die tatsächlichen Ergebnisse können je nach Region, Standort, Boden, Sorte, Niederschlagsverteilung und Bewirtschaftung deutlich abweichen. Besonders bei Kulturen, deren Entwicklung noch stark vom Wetterverlauf der kommenden Wochen abhängt, ist eine abschließende Bewertung derzeit noch nicht möglich.