Zwischenbilanz Hessen Landwirtschaft: Fortschritte und offene Baustellen
Es ist Halbzeit in Hessen und pünktlich zum sportlichen Großereignis in Nordamerika attestiert sich nach zweieinhalb Jahren die schwarz-rote Landesregierung selbst Führung. Auf den Höfen steht wenige Wochen vor Start der Getreideernte vielmehr die Wirkung der im Anbaujahr getroffenen Entscheidungen im Fokus. Politisch bleiben diese Wirkungen bisher gemischt.
Entlastungen für die hessische Landwirtschaft: Erste Schritte, kein Durchbruch
Bürokratieabbau ist das Schlagwort der Stunde. Es scheint ernst zu sein, es reden zumindest immer noch alle davon – von kommunaler Ebene bis hin zur Omnibus Agenda der EU-Kommission. Doch die Umsetzung bleibt erwartet mühsam.
Die hessische Landesregierung hat hier, das ist hervorzuheben, erste Schritte gemacht. Die Düngung auf gefrorenen Böden im Frühjahr wurde endlich praxisnah geregelt – etwas, das der Berufsstand seit Jahren eingefordert hat.
Auch der Bürokratieabbau setzt an. Weniger Auflagen für kleine Schlachtbetriebe, einzelne Vorschriften gestrichen.
Unsere Forderungen zum Bürokratieabbau in Hessen liegen seit September 2025 auf dem Tisch. Was die Betriebe erwarten, ist keine weitere Prüfung, sondern schnell und vor allem praxisnahe Umsetzung. Und vor allem: ein Stopp neuer Belastungen. Wer heute einen Betrieb führt, verbringt mehr Zeit mit Formularen als auf dem Feld oder im Stall. Das ist kein Fortschritt, sondern Systemfehler.
Wolfspolitik Hessen: Trendwende mit Signalwirkung
Die Wolfspolitik markiert eine echte Wende. Die Aufnahme ins Jagdrecht und der Schritt zu einem aktiven Management sind überfällig. Weidetierhalter brauchen Schutz, nicht Vertröstung. Die Politik hat hier im Sinne der Tierhalter gehandelt. Doch entscheidend ist nicht der Beschluss. Entscheidend ist die Wirkung. Kommt das Management wirklich in der Fläche an? Werden Eingriffe möglich, wenn sie nötig sind? Daran wird sich der Erfolg messen.
Afrikanische Schweinepest – Dauerkrise für Schweinehalter
Die Afrikanische Schweinepest ist mehr als ein Seuchenfall. Sie ist eine Dauerbelastung für Betriebe, wirtschaftlich wie organisatorisch. Und doch zeigt sich hier, was möglich ist, wenn Politik handelt. Das Land hat in der Krise schnell und pragmatisch reagiert. Zäune wurden gebaut, Schwarzwildbestände reduziert, Maßnahmen koordiniert. Die Ausbreitung konnte begrenzt werden, die Zahl neuer Fälle geht zurück.
Besonders wichtig: Die erste Teilrückstufung von Sperrzonen ist gelungen. Ein Schritt zurück zur Normalität. Ein klares Signal für die betroffenen Regionen und ein großer Erfolg. Auch wirtschaftlich wurde reagiert. Transportkosten übernommen, Soforthilfen ermöglicht, Programme ausgeweitet. Das hat Betriebe stabilisiert, zumindest kurzfristig.
Doch die Belastung bleibt hoch. Gerade für Schweinehalter in den Sperrzonen. Deshalb gilt: Die Krise ist nicht vorbei. Sie ist aktuell unter Kontrolle – aber nicht überwunden.
Landwirtschaftliche Betriebe stärken: Fehlende Planungssicherheit
Das größte Defizit bleibt jedoch fehlende Planungssicherheit. Betriebe sollen investieren: In Tierwohl, Umwelttechnik, neue Stallkonzepte. Aber sie wissen nicht, was in fünf Jahren gilt. Welche Auflagen kommen. Welche Förderung bleibt.
Wer Verlässlichkeit fordert, muss sie liefern. Ein Landwirtschaftsgesetz, das Rechte sichert. Ein politischer Rahmen, der hält. Sonst bleiben die Investitionen aus – und mit ihnen die Zukunft der Höfe.
Das Sorgenkind Bundes- und Europapolitik
Die größten Unsicherheiten kommen nicht aus Wiesbaden. Sie kommen aus Berlin und Brüssel.
Die EU‑Naturwiederherstellungsverordnung führt zu weitreichenden Eingriffen in die Bewirtschaftung und das Eigentum und das ohne eine Ausfinanzierung.
Die Gemeinsame Agrarpolitik ab 2028 steht zur Disposition, mit der Gefahr von Mittelkürzungen und wachsender Unsicherheit für die Landwirtschaft und den ländlichen Raum. Auf Bundesebene verschärft das Gesetz zur Stärkung der Natürlichen Infrastruktur den Nutzungsdruck auf wertvolle landwirtschaftliche Flächen erheblich. Gleichzeitig zieht sich die Debatte um die Düngeverordnung weiter, ein Dauerstreit ohne klare Perspektive für die eigentlichen Betroffenen.
Das Ergebnis ist ein politisches Dauerrauschen – ohne Richtung, ohne Verlässlichkeit. Gerade deshalb braucht es jetzt eines: Eine starke hessische Stimme auf Bundes- und Europaebene. Eine Stimme, die Interessen bündelt und das Übermaß verhindert.
Zukunft Landwirtschaft Hessen: Frisch in die zweite Halbzeit
Die Aufgaben für den zweiten Teil der Legislaturperiode liegen auf dem Tisch, wir haben sie klar formuliert:
Erstens: Tierhaltung sichern.
Investitionen in Tierwohl brauchen Planungssicherheit. Genehmigungsrecht, Immissionsschutz, Baurecht – alles muss praxistauglich funktionieren. Und wer höhere Standards fordert, muss sie auch finanzieren.
Zweitens: Tierwohl stärken.
Eine Strohprämie ist kein Detail. Sie ist ein Signal für mehr Tierwohl und bessere Akzeptanz – und muss endlich kommen.
Drittens: Risiken absichern.
Extremwetter trifft Betriebe hart. Eine staatlich unterstützte Mehrgefahrenversicherung gehört zum Standard – nicht zur Ausnahme.
Viertens: Flächen schützen.
Kompensationspolitik darf nicht länger gegen die Landwirtschaft arbeiten. Produktionsintegrierter Naturschutz muss Vorrang haben. Fläche ist endlich – und Grundlage der Ernährung.
Fünftens: Flurbereinigung neu ausrichten.
Landwirtschaft muss wieder im Zentrum stehen. Schnelle Verfahren, klare Strukturen, echte betriebliche Vorteile. Alles andere verliert Akzeptanz.
Sechstens: Beteiligung stärken.
Die Landwirtschaft braucht Augenhöhe im Verfahren. Gleiche Rechte wie Naturschutzorganisationen – auch beim Klagerecht.
Siebtens: Wasserrecht mit Maß gestalten.
Grundwasserschutz ist richtig. Aber er muss verhältnismäßig sein. Weniger pauschale Einschränkungen, mehr Verursachergerechtigkeit.
Achtens: Landwirtschaftsgesetz weiterentwickeln.
Ein klares Leitgesetz ist überfällig. Mit Planungssicherheit, Eigentumsschutz und der Anerkennung der Landwirtschaft als überragendes öffentliches Interesse.
Neuntens: Bildung und Beratung sichern.
Fachkräfte entstehen nicht von allein. Schulen, Beratung und Ausbildung brauchen stabile Strukturen und verlässliche Finanzierung.
Zehntens: Verlässlichkeit schaffen.
Agrarpolitik braucht Klarheit. Frühzeitige Entscheidungen. Und endlich einen konsequenten Abbau der Bürokratie.