EU will Nutztierhaltung stärken – aktuelle Viehzählung zeigt weiterhin Handlungsbedarf!

10.07.2026
Mit einer neuen Nutztierstrategie will die EU die Zukunft der Tierhaltung stärken. Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse der Viehzählung vom Mai 2026: Der Strukturwandel hält an. HBV-Präsident Karsten Schmal fordert verlässliche Rahmenbedingungen für die Betriebe.
Ferkel, Schweinestall
© Denise Stein

Was beinhaltet die neue EU-Nutztierstrategie?

Mit ihrer neuen Nutztierstrategie hat die Europäische Kommission ein umfassendes Maßnahmenpaket vorgestellt, das die Zukunft der Tierhaltung in Europa sichern soll. Sie sieht die Nutztierhaltung als einen zentralen Wirtschaftszweig für den ländlichen Raum. Rund sieben Millionen Menschen arbeiten EU-weit in diesem Bereich, häufig in Regionen, in denen es nur wenige andere wirtschaftliche Perspektiven gibt. Mit einem jährlichen Umsatz von rund 400 Milliarden Euro ist sie zudem ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Gleichzeitig steht der Sektor unter erheblichem Druck: geringe Rentabilität, steigende Kosten, veränderte Marktbedingungen und Ausbrüche von Tierseuchen stellen die Betriebe vor große Herausforderungen.

Um die Tierhaltung langfristig zu erhalten, setzt die neue Strategie auf fünf Schwerpunkte:

  • neue Instrumente des Risikomanagements und  besseres Tierseuchenmanagement,
  • Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit und Nachhaltigkeit der Betriebe bei fairem Einkommen,
  • Weiterentwicklung von Tierwohl und Nachhaltigkeit,
  • Zurückbringen der Tierhaltung in benachteiligte Regionen und Stärkung regionaler Wertschöpfungsketten,
  • hohe Qualität der europäischen Tierhaltung sichtbar machen und honorieren.

Ergänzt wird die Strategie durch einen Eiweiß-Aktionsplan. Ziel ist es, die Abhängigkeit Europas von Futtermittelimporten zu reduzieren und den Anbau heimischer Eiweißpflanzen deutlich auszubauen.

Wie entwickelt sich die Tierhaltung in Deutschland?

Die aktuell von Destatis veröffentlichten Zahlen der Viehzählung zum Stichtag 3. Mai 2026 machen deutlich, dass die Zahl der tierhaltenden Betriebe weiter zurückgeht. Betroffen sind sowohl die Rinder- als auch die Schweinehaltung.

Die Schweinehaltung befindet sich weiterhin in einem tiefgreifenden Strukturwandel. Im Mai 2026 gab es in Deutschland noch 14.700 schweinehaltende Betriebe. Allein gegenüber November 2025 ging ihre Zahl um 490 Betriebe bzw. 3,2 % zurück. Im Vergleich zu 2016 hat sich die Zahl der Schweinehalter sogar um rund 40 % verringert, das entspricht einem Minus von 9.800 Betrieben.

Der Schweinebestand lag zum Stichtag bei 21,0 Mio. Tieren. Gegenüber November 2025 entspricht dies einem Rückgang um 2,3 %, bzw. rund 501.400 Tieren. 

Langfristig zeigt sich ebenfalls eine deutliche Entwicklung: Innerhalb von zehn Jahren ist der Schweinebestand um 22,5 % bzw. 6,1 Mio. Tiere gesunken. Gleichzeitig hält der Trend zu größeren Betrieben an.

Auch die Rinderhaltung unterliegt weiterhin dem fortschreitenden Strukturwandel. Bundesweit wurden noch knapp 120.300 rinderhaltende Betriebe gezählt. Gegenüber November 2025 entspricht dies einem Rückgang von 2.200 Betrieben bzw. 1,8 %. Besonders deutlich zeigt sich die Entwicklung in der Milchkuhhaltung. Die Zahl der Milchkuhhalter sank im gleichen Zeitraum auf 46.200 Haltungen, das ist ein Rückgang um 900 Haltungen, bzw. 2,0 %. Der Milchkuhbestand verringerte sich um 1,5 % auf 3,56 Millionen Tiere.

Im Zehnjahreszeitraum 2016 bis 2026 gingen die Milchkuhhaltungen um 35,2 % zurück (-25.100 Haltungen) und die Rinderhaltungen sanken um 18,7 % (-27.600 Haltungen). Die Zahl der Tiere verringerte sich in diesem Zeitraum ebenfalls stark: Rinder -17,6 % (-2,2 Mio. Tiere) und davon Milchkühe -16,0 % (638.000 Tiere).

Warum setzt sich der Strukturwandel fort?

Für den Präsidenten des Hessischen Bauernverbandes, Karsten Schmal, sind die aktuellen Zahlen ein deutliches Warnsignal.

„Die aktuellen Ergebnisse der Viehzählung zeigen erneut, dass sich der Strukturwandel in der Tierhaltung ungebremst fortsetzt. Das betrifft Milchkuhhalter ebenso wie Schweinehalter. Immer mehr Betriebe geben die Tierhaltung auf, weil die wirtschaftlichen Belastungen steigen und Investitionen häufig mit großen Unsicherheiten verbunden sind.“

Nach Einschätzung des HBV stehen viele Tierhalter vor der Herausforderung, steigende Anforderungen in den Bereichen Tierwohl, Klimaschutz und Dokumentation mit wirtschaftlich tragfähigen Betriebsmodellen zu verbinden. Gleichzeitig erschweren hohe Investitionskosten und fehlende Planungssicherheit notwendige Zukunftsinvestitionen.

Was fordert der Hessische Bauernverband?

Grundsätzlich bewertet der HBV die neue EU-Nutztierstrategie als wichtiges Signal für die Zukunft der europäischen Landwirtschaft. Entscheidend werde jedoch sein, wie die angekündigten Maßnahmen umgesetzt werden.

„Wer den Umbau der Tierhaltung und mehr Tierwohl möchte, muss den Betrieben verlässliche Rahmenbedingungen und wirtschaftliche Perspektiven bieten. Investitionen in Ställe, Tiergesundheit und Klimaschutz können nur gelingen, wenn sie auch finanziell tragfähig sind“, betont Schmal.

Aus Sicht des Bauernverbandes muss verhindert werden, dass die Tierhaltung schrittweise aus Deutschland und Europa verdrängt wird, während die Nachfrage nach tierischen Lebensmitteln weiterhin besteht.

Tierhaltung sichert Wertschöpfung und Versorgung

Die gesellschaftliche Bedeutung der Tierhaltung reicht weit über die Erzeugung von Lebensmitteln hinaus. Insbesondere in Grünlandregionen trägt die Rinderhaltung zur Pflege der Kulturlandschaft bei. Milchkuh-, Rinder- und Schweinebetriebe schaffen Arbeitsplätze, sichern regionale Wertschöpfung und stärken den ländlichen Raum.

„Jeder Betrieb, der die Tierhaltung aufgibt, bedeutet einen Verlust an regionaler Lebensmittelproduktion und an wirtschaftlicher Substanz im ländlichen Raum. Unser Ziel muss es sein, Tierhaltung in der Fläche zu erhalten und den Betrieben wieder mehr Zukunftsvertrauen zu geben“, so Schmal.